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71. Gewerbliche Winterkonferenz

Demographie im Wandel – Was sind die Folgen?

Parkhotel Silvretta Klosters 15. – 17. Januar 2020

Der demographische Wandel ist in aller Munde. Doch: was sind seine Folgen für die Wirtschaft? Die 71. Gewerbliche Konferenz in Klosters diskutierte verschiedene Aspekte eines Wandels, der Bildung, Arbeits­märke und sogar Geschäftsmodelle beeinflusst. Den Auftakt zur Konferenz machte Bundesrat Guy Parmelin, Vorsteher des Eidgenössischen Departements für Wirtschaft, Bildung und Forschung. Er ging dabei auf die Anliegen des sgv für mehr unternehmerischen Freiraum ein.

Programme

Programm Gewerbliche Winterkonferenz 2020
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Übersicht mit Rahmenprogramm Gewerbliche Winterkonferenz 2020
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Mittwoch, 15. Januar 2020

Demographie im Wandel

Die 71. Gewerbliche Winterkonferenz in Klosters ist im Gang. Das «WEF des Gewerbes» dauert bis zum 17. Januar. Angesagt sind Polit-Diskussionen auf hohem Niveau und Networking zwischen Wirtschaft und Politik. Thema der diesjährigen Winterkonferenz ist die «Demografie im Wandel».

 

sgv-Präsident Jean-François Rime eröffnete die 71. Gewerbliche Winterkonferenz

Zum letzten Mal eröffnete der bald scheidende Gewerbeverbandspräsident, alt Nationalrat Jean-François Rime, die traditionelle Winterkonferenz in den Bündner Bergen. In seiner Tour d’horizon versicherte Rime, der Schweizerische Gewerbe­verband sgv werde sich weiterhin – und auch nach seine Präsidialzeit – für gute Rahmenbedingungen für die Schweizer KMU und gegen überbordende Regulierungen einsetzen. Und er warnte vor eine Annahme der Mieterverbandsinitiative, die am 9. Februar zur Abstimmung kommt: «Das Anliegen klingt auf den ersten Blick sympathisch; in Wirklichkeit ist die Initiative ‘für mehr bezahlbaren Wohnraum’ aber ein gefährlicher Angriff auf das Eigentumsrecht und auf den Föderalismus.»

Rime übergab das Wort seinem Parteikollegen, Bundesrat Guy Parmelin. Mit dem Vorsteher des Eidgenössischen Departements für Wirtschaft, Bildung und Forschung WBF – laut Rime «ein hochgeschätzter Mitstreiter des sgv im Kampf gegen überbordende Regulierung» – beehrte nach längerem Unterbruch erstmals wieder ein Mitglied der Landesregierung das «WEF der KMU» in Klosters.

Auch Parmelin sprach sich dezidiert gegen die Initiative des Mieterverbands aus. Die Umsetzung einer gesamtschweizerischen 10-Prozent-Quote für gemeinnützige Neubauwohnungen sei «weder kurz- noch mittelfristig realistisch». Stattdessen müssten, sollte die Initiative durchkommen, Bund und Kantone einspringen – «mit einem Aufwand und mit Kosten, die absolut nicht verantwortbar wären».

Wirtschaftsminister Parmelin zeigte sich überdies besorgt, dass der demografische Wandel negative Folgen für die wirtschaftliche Entwicklung unseres Landes haben könnte und sprach sich dafür aus, den Unternehmergeist als wichtigen Teil des Erfolgsrezepts der Schweiz zu stärken. Viel stehe auf dem Spiel – von der Städteplanung über die Verkehrs- und Infrastruktur bis zu Gesundheit uns Vorsorge: «Dies alles betrifft Unternehmer ebenso wie die Politik, und wir tun gut daran, die Herausforderungen frühzeitig anzugehen und schon heute wichtige Entscheidungen zu treffen.»

Ziel des Bundesrates sei es, nicht die Wirtschaft zu schützen, sondern die Rahmenbedingungen zu verbessern und die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz zu stärken. Patentrezepte gebe es keine, umso wichtiger seien aber eine kontrollierte Zuwanderung, die Stärkung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie und die Flexibilisierung des Arbeitsmarkts.

Im Gespräch mit Bundesrat Parmelin und sgv-Präsident Rime liess sich der frühere SRF-Moderator Reto Brennwald von den Tagungs­themen leiten. Parmelin und Rime waren sich einig, dass der Kampf gegen die ausufernde Regulierung weitergeführt werden müsse und dass in Sachen Digitalisierung die Wirtschaft ihre Bedürfnisse selber formulieren müsse – der Staat könne hier bloss koordinierend wirken.

Viele Highlights bis Freitag

Die weiteren Highlights von «Klosters 2020» sind am Donnerstagmorgen Überlegungen des Philosophen Ludwig Hasler zur Würde im Altern, ein Ausblick mit Trendforscher Stefan Breit vom Gottlieb Duttweiler Institut und ein Polit-Podium mit Vertretern von CVP, FDP, Grünen, SP und SVP. Am Nachmittag des 16. Januar werden «Wandel und Flexibilisierung im Arbeitsmarkt» diskutiert. swissstaffing-Präsident Leif Agnéus und GastroSuisse-Präsident Casimir Platzer werden sich Gedanken zm Arbeitsmarkt der Zukunft und zur Rolle der Sozialpartnerschaft machen, und alt Nationalrat und sgv-Direktor Hans-Ulrich Bigler wird eine politische Einordnung vornehmen. Ein Podium mit Wirtschaftsvertretern verschiedener Branchen wird am Abend Wandel und Flexi­bi­lisierung des Arbeitsmarkts in der Praxis unter die Lupe nehmen.

Am Freitag werden Bildung und Digitalisierung im Zentrum des Interesses stehen. Staatssekretärin Martina Hirayama vom Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation SBFI wird beleuchten, was die Bildung leisten muss, um Tradition, Wandel und Digitalisierung unter einen Hut zu bringen. Bexio-Gründer Jeremias Meier und der stellvertretende sgv-Direktor Henrique Schneider werden nach digitalen Fähigkeiten in KMU fragen, und ein Podium mit Parteivertretern wird diskutieren, was ändern muss, damit Innovation erfolgreich betrieben werden kann.

Am Freitagabend schlieslich wird der an der Uni­versität Hamburg lehrende Schweizer Wirt­schafts­professor Thomas Straubhaar aufzeigen, weshalb alte Ideologien nicht weiterhelfen, um bei der Digitalisierung weiterzukommen, sondern neue Konzepte unverzichtbar sind.

Vielseitiges Rahmenprogramm

Traditionell wird ein vielfältiges Rahmenprogramm die politischen Diskussionen auflockern und es den Gästen von «Klosters» ermöglichen, neue Kontakte zu knüpfen und alte zu vertiefen.


16. Januar 2020

Längeres Leben und die Folgen

«Wir sind noch nicht bereit, anzuerkennen, dass ‘Alter’ heute etwas völlig anderes bedeutet als je in der Geschichte vor uns», hielt der 75jährige, vife und wache Philosoph Ludwig Hasler an der Gewerblichen Winterkonferenz in Klosters fest. Während «Alte» früher arbeiteten und weiter zur Sippe gehörten, indem sie sich nützlich machten, werde heute ein willkürlicher, scharfer Schnitt gemacht, indem ums Alter von 65 herum die «Beschäftigtheit» von 100 auf Null sinke – mit teils erschreckenden Auswirkungen. Sei das Altern früher als «Vorbereitung auf das Jenseits» begriffen worden, so komme heute «der Druck nicht mehr vom Himmel, sondern von uns selber». Die Folge: Eine um sich greifende «Erlebnissucht», ein Reisen ohne Ende «aus Furcht, etwas verpasst zu haben».

«Sinn», so Hasler, ergebe sich viel eher aus dem «Mitwirken an etwas, das grösser ist als wir selber» – an der Zukunft anderer. Hasler warb dafür, «Alte» nicht als Passivmitglieder der Gesellschaft, sondern als Akteure zu behandeln. Akteure auch, die ihre Erfahrungen länger als heute in die Arbeitswelt einbringen und im Zusammenspiel mit den Jungen deren frisches Wissen, deren Elan und deren Illusionen mit ihrem «angewandtem Wissen» ergänzen sollten.

KMU seien heute eher bereit als Konzerne, den Wert der Erfahrungen älterer Menschen zu nutzen. «Dass eine höhere Lebenserwartung auch ein längeres Aktivsein erfordert, müssen uns keine Mathematiker erklären», so Hasler in seinen mit grossem Applaus verdankten Überlegungen, «das sehen heute alle, die das Thema mit wachen Augen anschauen.»

Demographie verändert Demokratie

«In den meisten Themen ändert sich die öffentliche Meinung, weil alte Menschen ihre Meinung mit ins Grab nehmen.» Demografische Veränderungen wirkten doppelt so stark wie Veränderungen in den Überzeugungen der Menschen, hielt der ehemalige Mittelstreckenprofi Stefan Breit fest, der heute am Gottlieb Duttweiler Institut forscht. Der Begriff «Offenheit» sei «extrem individuell» und zudem möglichst wertfrei zu betrachten.

Dennoch gelte, dass die Offenheit der Menschen mit deren Lebensdauer tendenziell abnehme: «Ein längeres Leben verändert auch den Umgang mit Neuem», so Breit. Dennoch beobachte die Forschung einen Wechsel von Explorieren und Bewahren. Und: «In unterschiedlichen Bereichen altern wir unterschiedlich schnell.»

Lebenserwartung steigt – was bedeutet dies?

«Was bedeutet der demographische Wandel für die Politik?» Unter Leitung von Ex-SRF-Moderator Reto Brennwald diskutierten auf dem Podium die Ständeräte Thierry Burkart (FDP/AG) und Jakob Stark (SVP/TG) sowie die Nationalratsmitglieder Mattea Meyer (SP/ZH), Nicolo Paganini (CVP/SG) und Franziska Ryser (Grüne/SG).

«Die Einteilung der Menschen in ‘jung’ und ‘alt’ anhand einer Grenze von 64 oder 65 Jahren ist der grösste Fehler, den sich die Politik geleistet hat», zeigte sich Burkart überzeugt. Ein starres Renten­alter habe eine Signalwirkung auf die gesamte Gesellschaft. Eine steigende Lebenserwartung sei ja eigentlich erfreulich, doch es fehle oft an Respekt für ältere Menschen. «Mit Begriffen wie ‘alte weisse Männer’ oder ‘Umweltsau’ die Verantwortung für jegliche Missstände den Älteren zuzuschanzen, ist vor allem eines: Eine bizarre Diskussion, die niemandem etwas bringt.»

Für Stark ist es «ein Fehler, dass die Lebens­er­wartung bisher nicht in die Diskussion ums Rentenalter einbezogen worden ist». Die Schweiz müsse wegkommen von einem starren Rentenalter und die Arbeitswelt flexibler gestalten: Mit einer Richtgrösse, die flexibel gehandhabt werde, mit mehr Teilzeitarbeit auch nach 64 oder 65 Jahren, tieferen BVG-Sätzen für ältere Arbeitnehmer – aber nicht einer Überbrückungsrente. «Das wäre der völlig falsche Weg», sagte Stark, «und würde den Fachkräftemangel und die Abhängigkeit von der Zuwanderung noch verstärken». Besser seien verstärkte Anreize: «Es muss sich für die Wirtschaft lohnen, ältere Arbeitnehmende zu beschäftigen».

Paganini warf die Frage auf, ob und wie lange es bezahlbar bleiben werde, dass Menschen «bloss 40 von möglichen 100 Lebensjahren aktiv zur Wert­schöpfung beitragen». Dabei sieht der per Ende Mai abtratende Olma-Direktor aber auch die Mitarbeitenden selber in der Pflicht: «Sie müssen akzeptieren, dass ihre Rollen sich ändern, dass Löhne auch sinken können und dass Qualifi­kationen à jour zu halten sind.»

Die mögliche künftige SP-Co-Präsidentin Meyer wehrte sich dagegen, die steigende Lebens­er­wartung bei der Diskussion ums Rentenalter fix miteinzubeziehen. «Wer lebt wie lange?», fragte sie mit Blick darauf, «dass es sich gut Ausgebildete eher leisten können, früher in Rente zu gehen als Bauarbeiter oder Coiffeusen». Man müsse sich von der Idee lösen, nur Erwerbsarbeit sei wertvolle Arbeit – und eine Überbrückungsrente für ältere Arbeitslose sei zwingend.

Die Grüne ETH-Maschineningenieurin Ryser schliesslich plädierte dafür, auch Freiwilligen- und Teilzeitarbeit stärker zu schätzen und die Arbeit über die gesamte Lebensspanne zu betrachten. «Wir müssen Optionen offenhalten, gemischte Teams fördern – und anerkennen, dass die Diskussion ums Rentenalter keineswegs nur eine mathematische, aber sehr wohl eine politische ist.»


Mittagsplausch auf dem Eis

Am Donnerstagmittag standen Spiel und Plausch auf dem Programm. Wer wollte konnte sein Geschick auf dem Eisfeld beim Eisstockschiessen im Sportzentrum von Klosters versuchen oder bei einem feinen Apéro, gesponsert vom Bündner Gewerbeverband, sein Netzwerk pflegen. Strahlendes Winterwetter sorgte für gute Laune.


Sozialpartnerschaft in Schieflage

Die tiefe Arbeitslosenquote in der Schweiz täuscht nicht darüber hinweg, dass sich der Arbeitsmarkt im Wandel befindet. Die zwei Schlagworte der Stunde lauten Flexibilisierung und Sozial­partner­schaft. «Die Gewerkschaften gefährden die Sozialpartnerschaft», sagte Leif Agnéus, Präsident von swissstaffing anlässlich der 71. Gewerblichen Winterkonferenz. Agnéus kritisierte in Klosters konkret, dass zunächst der GAV ausgehandelt wird, die Gewerkschaften anschliessend aber ihre nicht erreichten Punkte auf kantonaler Ebene durch­setzen wollen.

Das bekannteste Beispiel sind die Mindestlöhne. «Genf und Tessin haben bereits kantonale Mindestlöhne, weitere Kantone sind auf dem Weg dazu», sagte Casimir Platzer, Präsident von GastroSuisse. Er wandte sich direkt an die Gewerbevertreter: «Die Gewerkschaften sitzen mit ihnen am Tisch, um den GAV auszuhandeln und wollen dann auf kantonaler Ebene Mindestlöhne einführen.»

Die Antwort des Gewerbes heisst «Allianz für die Stärkung der Sozialpartnerschaft» und besteht aus 29 Verbänden und Branchenorganisationen, zu denen unter anderem der Schweizerische Gewer­be­verband sgv, GastroSuisse und eben auch swissstaffing, der Verband der Personal­dienst­leister, zählen. Während Leif Agnéus sich in aller Deutlichkeit zur Sozialpartnerschaft bekannte («Sie ist ein wichtiger Sockel für den liberalen Arbeits­markt»), erinnerte Casimir Platzer daran, dass die Mindestlohn-Initiative im Jahr 2014 mit 76,3 Prozent Nein-Stimmen abgeschmettert wurde.

Gewerbliche Winterkonferenz 2020: «Allianz für die Stärkung der Sozialpartnerschaft» - Casimir Platzer, Präsident GastroSuisse
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Dass die Gewerkschaften und eine Motion der Tessiner Grünen-Nationalrätin Greta Gysin (Motion 19.4406: Bekämpfung von Lohndumping. Mehr Kompetenzen für die Kantone.) nun kantonale Mindestlöhne fordern, sei «sicher nicht im Sinne der Sozialpartnerschaft». Platzer weiter: «Ich könnte mir vorstellen, dass bald 6 Wochen Ferien oder ein 14. Monatslohn gefordert werden.» Dagegen wird sich die Allianz für die Stärkung der Sozialpartnerschaft wehren. Hat ein erster Vorstoss noch einen Betriebsunfall erlitten, werde schon bald ein nächster folgen, kündigte Platzer an. «Wir wollen eine echte Sozialpartnerschaft und keinen Flickenteppich, bei welchem in jedem Kanton etwas anderes gilt.»

Für die Perspektiven der Jungen kämpfen

Gewerbeverbandsdirektor Hans-Ulrich Bigler appellierte in seiner politischen Einordnung an die Gewerbler, den flexiblen Arbeitsmarkt zu verteidigen. Dieser sei ein Erfolg: «Wir haben gottseidank eine tiefe Jugendarbeitslosigkeit.» Die junge Generation habe eine Perspektive. «Deshalb lohnt es sich, dafür zu kämpfen», so Bigler. Er erinnerte insbesondere an die Regulatorien. Ob jemand wisse, fragte er ins Publikum, aus welchem Jahr das aktuell gültige Arbeitsgesetz stamme. Die richtige Antwort: 1966. «Es atmet noch den Geist des industriellen Zeitalters der Fünfziger- und Sechzigerjahre», sagte Bigler. Dies entspreche nicht mehr den heutigen Arbeitsmarktgegebenheiten. «Der Konflikt ist vorprogrammiert. Wir wollen anders arbeiten.»

Wie man anders arbeiten kann, diskutierten die Teilnehmer des Podiums zum Thema «Wandel und Flexibilisierung in der Praxis», das von NZZ-Journalist Michael Schönenberger moderiert wurde. Nicole Barandun, Präsidentin des Gewerbeverbands der Stadt Zürich, wies daraufhin, dass Flexibilität nicht in allen Branchen das Gleiche bedeute. «Viele unserer Mitglieder wollen den Kundenkontakt nicht aus der Hand geben. Die Kunden schätzen es, wenn immer derselbe Mitarbeiter sich um sie kümmert.

Viktor Calabrò, Gründer von coople.com, einer On-Demand-Plattform für flexible Arbeit, sieht den Wunsch nach mehr Flexibilität bei der Arbeit als Chance für den Arbeitsmarkt. «Wir können es uns nicht leisten, hochqualifizierte Arbeitnehmer zuhause zu lassen, nur weil wir ihnen nicht die Möglichkeit zur Teilzeitarbeit bieten.»

Hansruedi Schafflützel, CEO der Verpackungs­her­stellerfirma Wipf AG, erzählte von seinen Ange­stellten: «Bei uns denken die kreativen Leute nach der Arbeit weiter. Das wäre ja auch Arbeitszeit, die man aufschreiben müsste, egal wo sie sich gerade befinden.

Auch für Nicole Herzog, Verwaltungsratspräsidentin bei Sherpany, Marktführer für Sitzungsmanagement Software, ist nicht der Ort der Arbeit entscheidend, kann die Firma seine Angestellten doch auf der ganzen Welt rekrutieren. Trotzdem sei es nicht einfach, Fach­kräfte zu finden. «Ich glaube es wurde schlicht unterschätzt, welche Auswirkungen die Digitalisierung auf den Arbeitsmarkt haben wird.»

«Ich denke, wir haben sehr wohl etwas falsch gemacht», widersprach Bernhard Mollet von Oetterli Kaffee. «Was meine Kinder in der Schule erleben, das kann nicht begeistern. Wenn der Lehrer eine Pflaume ist und nicht einmal eine Powerpoint-Präsentation starten kann, wie soll er dann die Kinder für die IT begeistern?» Gelächter im Publikum, doch Mollet fuhr sogleich fort: «Wir brauchen nicht einfach Pädagogen, wir brauchen Menschen die unsere Kinder begeistern können. Und keine Pflaumen.»

Grosser Applaus im Silvretta Parkhotel. Mollet hatte das Publikum schon zuvor in seiner Rolle als umsichtiger Patron verzückt als er sagte: «Meine Leute können 30 Tage ohne mich arbeiten, dann brauchen sie mich, weil sie ihren Lohn wollen. Ich aber kann nicht einen einzigen Tag ohne meine Angestellten arbeiten.»


Freitag, 17. Januar 2020

Digitalisierung: KMU mit Nachholbedarf

Welche digitalen Fähigkeiten finden sich in KMU, welche sind noch nicht vorhanden? Darum drehte sich in Klosters ein Gespräch zwischen Jeremias Meier, Gründer und CEO der Business-Software-Plattform Bexio und Henrique Schneider, beim Schweizerischen Gewerbeverband sgv zuständig fürs Thema Digitalisierung.

Sechs Jahre nach der Gründung vertrauen bereits mehr als 25'000 Schweizer KMU der Plattform Bexio. «Unsere Kunden sind keine IT-Profis», sagte Meier. «Dank unserem Support können sie sich auf ihr Kerngeschäft konzentrieren und haben mehr Zeit für ihre Kunden.» Meier ortet bei den KMU ein «enormes Potenzial» in Sachen Digitalisierung: bis zu 70 Prozent aller Firmen mit weniger als zehn Mitarbeitenden seien noch nicht digitalisiert.

«Es muss jetzt rasch gehen»

Ein vom sgv initiierter Workshop mit KMU-Ver­tretern im November 2019 hat aufgezeigt: Das Interesse am Thema Digitalisierung ist gross. Kleine Firmen wollen hier vorwärtsgehen – oft wissen sie aber nicht, was genau sie tun sollen respektive dürfen. «Es ist die Aufgabe jedes einzelnen Unter­nehmers, seine Firma für die digitale Zukunft fit zu machen», sagte Schneider.

Branchenlösungen könnten weiterhelfen; vor allem aber sei noch viel zu tun betreffend die Aufklärung: «Welche Anpassungen sind nötig, welche Aufbe­wahrungsfristen gelten wo, wie funktioniert eine elektronische Unterschrift?» Hier setze sich der Gewerbeverband aktiv ein. Bis zum Frühjahr werde der sgv mit einem Forderungskatalog ans Wirtschaftsministerium WBF herantreten und dadurch mithelfen, KMU den dringend nötigen Schritt in die Digitalisierung zu erleichtern.

Denn die Anpassung an die neuen Realitäten müsse nun rasch vorangehen. «Die Schweiz darf sich hier nicht mit dem Mittelmass zufrieden geben», sagte der Bexio-Gründer, «sonst schmelzen unsere wirtschaftlichen Vorteile bald weg.» Am Beispiel des Smartphones oder der digitalen Fotografie werde klar: «Lange kann scheinbar wenig passieren, aber dann geht alles sehr schnell.» Der immer globaler werdende Wettbewerb betreffe auch hiesige KMU. «Deshalb muss heute brach liegendes Potenzial erkannt und etwa die Kommunikation mit der Verwaltung möglichst rasch vereinfacht werden.»

Diese Ansicht vertrat auch Martina Hirayama vom Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation SBFI. «Mit der Plattform digitalinform.swiss unterstützt der Bund Schweizer Firmen in ihren Anstrengungen zur Digitalisierung.»

Gewerbliche Winterkonferenz 2020: Tradition, Wandel und Digitalisierung: Was muss Bildung leisten? - Martina Hirayama, Staatssekretärin SBFI
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Schweiz muss innovativ bleiben

Was sich ändern muss, damit die Schweiz innovativ bleibt, diskutierten unter der Leitung von NZZ-Redaktor Michael Schönenberger die National­rats­mitglieder Franz Grüter (SVP/LU), Sandra Locher Benguerel (SP/GR) und Andri Silberschmidt (FDP/ZH) sowie Sarah Bünter, Präsidentin der jungen CVP.

«Die Schweiz muss sich in Sachen Innovation nicht verstecken, und es besteht keinerlei Grund für Minderwertigkeitskomplexe», stellte IT-Unter­nehmer Grüter klar. Unser Land werde als Forschungsstandort immer attraktiver, und «zahlreiche extrem innovative Kleinfirmen werden von Grosskonzernen aufgekauft: Hier findet sehr wohl Innovation statt.» Selbstkritisch stellte Grüter aber auch fest: «Die IT-Industrie hat es zu lange verschlafen, Nachwuchs auszubilden – und die Internationalen verstehen oft gar nicht, was wir hier eigentlich tun und wie Berufsbildung funktioniert.» Zudem würde der Industrie gut ausgebildete Frauen fehlen.

Für Neo-Nationalrat und Unternehmer Silber­schmidt «muss die Schweiz selber ein Label sein». Innovation dürfe nicht mit Digitalisierung gleichgesetzt werden, und Fachhochschulen müssten endlich auch lehren, wie Unternehmen gegründet würden. Wichtig sei, dass keine übertriebenen Regulierungen die unterneh­merische Freiheit beschränkten, keine zu hohen Hürden für ausländische Fachkräfte aufgebaut würden und genügend Risikokapital bereitstehe.

SP-Vertreterin Locher plädierte dafür, dass die Politik das Risiko eines unternehmerischen Scheiterns abfedern solle; einer generellen Lockerung des Arbeitsgesetzes stehe sie aber kritisch gegenüber. Anders JCVP-Präsidentin Bünter: «Das aus dem Jahr 1966 stammende Arbeitsgesetz ist für junge Firmen – gerade auch im Bereich Digitalisierung – ein Problem. Es muss dringend den heutigen Gegebenheiten angepasst werden.»


«Pushen Sie Ihre Enkel ins Handwerk»

«Digitalisierung ist bei weitem nicht nur ein technologisches Phänomen», sagte Thomas Straubhaar, Professor für Internationale Wirtschafts­be­ziehungen an der Universität Hamburg zum Abschluss der Gewerblichen Winterkonferenz. Der Megatrend verändere die Gesellschaft nicht nur technisch, sondern auch kulturell, sozialökonomisch, oder kurz gesagt: komplett. Denn die Digitalisierung sei weit mehr als nur «eine alte Welt mit Internetanschluss».

In gewissen Bereichen werde vermeintliche Science Fiction zur Wirklichkeit. Was hat schon die Fortpflanzung mit Digitalisierung zu tun? «Reproduktion durch Sex wird in der Zukunft als Risiko für die Kinder betrachtet», so eine These des renommierten Professors. Schliesslich könne die Fortpflanzung auch durch künstliche Befruchtung realisiert werden.

Damit brachte Straubhaar zum Ausdruck, dass Dinge, die uns heute unmöglich erscheinen, morgen schon Normalität sein können. Science Fiction werde Wirklichkeit. «Ein Feuerwerk an Überlegungen», sagte Hans-Ulrich Bigler zum Blick über den Tellerrand von Straubhaar zum Abschluss der Winterkonferenz in Klosters.

Handwerk schützt vor Digitalisierung

Professor Straubhaar verstand es, mit seinen Thesen das Publikum zum Nachdenken anzuregen. Eine Frage aus dem Publikum lautete, was Grosseltern ihren Kindern raten sollen. «Pushen Sie Ihre Kinder ins Handwerk», so die überraschende Antwort. Das Handwerk sei vor der Digi­ta­lisierung geschützt. Denn für viele manuelle Tätigkeiten lohne es sich schlicht nicht, einen Roboter zu programmieren.

Der Wandel an und für sich ist natürlich nicht aufzuhalten. Der Wandel in der Ökonomie sei vor allem getrieben durch Daten. «Die Versicherungen werden Sie in Zukunft kaum zwingen, Ihre Daten herauszugeben», erklärte Straubhaar. «Aber wenn Sie es nicht tun, dann werden Sie ganz bestimmt mehr bezahlen müssen.» Eine Gesellschaft, in der durch Daten ein Ranking erstellt wird, dank welchem weiter oben rangierte Personen eine bessere Bildung geniessen können und schneller eine medizinische Versorgung erhalten? Straubhaar: «Das ist nicht Science Fiction!»

Digitalisierung bedeutet Individualisierung

«Der grösste Hotelbetreiber der Welt kommt nicht aus dem Tourismus. Er hat gar keine Ahnung von Tourismus», so Straubhaar über Airbnb. Das gleiche Prinzip bei Uber und Amazon. Nicht dank Insiderkenntnissen der Branche, sondern dank einer digitalen Lösung, einem Algorithmus, sei es gelungen, ganze Branchen zu verändern. «Was heute Daten sind, waren früher Waren.»

Mit diesen Daten wird gearbeitet. «Wenn Sie es auf die Spitze treiben wollen, bedeutet Digitalisierung Individualisierung», so Straubhaar. «Im Guten wie im Schlechten.» Dies beginne bei der Geburt und gehe über den eigenen Tod hinaus, Stichwort Organspende.

Individualität entstehe durch die Durchsichtigkeit der Gesellschaft und der einzelnen Menschen. Straubhaar sprach vom «gläsernen Kunden». «Wer online unterwegs ist, kriegt individuelle Preise. Früher ging man in den Laden und der Preis war für alle derselbe, ausser Sie waren ein ausseror­dentlich treuer Kunde», erklärte Straubhaar. Heute bezahlten bereits viele Kunden die online einkaufen individuelle Preise. Weil sie gläserne Kunden seien, alle Daten gesammelt würden. Ob man es wolle oder nicht: «Big Brother ist watching you.»

«Digitalisierung: Wieso alte Ideologien nicht weiterhelfen, sondern neue Konzepte nötig werden!» - Prof. Dr. Thomas Straubhaar, Universität Hamburg
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Präsentationen / Referate

16. Januar 2020
  • «Allianz für die Stärkung der Sozialpartnerschaft» - Casimir Platzer, Präsident GastroSuisse (Powerpoint / PDF)
17. Januar 2020
  • «Tradition, Wandel und Digitalisierung: Was muss Bildung leisten?» - Martina Hirayama, Staatssekretärin SBFI (Powerpoint / PDF)
  • «Digitalisierung: Wieso alte Ideologien nicht weiterhelfen, sondern neue Konzepte nötig werden!» - Prof. Dr. Thomas Straubhaar, Universität Hamburg (Powerpoint / PDF)

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