Gewerbliche Winterkonferenz 2020 | Schweizerischer Gewerbeverband sgv | Dachorganisation der Schweizer KMU

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71. Gewerbliche Winterkonferenz

Demographie im Wandel – Was sind die Folgen?

Parkhotel Silvretta Klosters 15. – 17. Januar 2020

Der demographische Wandel ist in aller Munde. Doch: was sind seine Folgen fĂŒr die Wirtschaft? Die 71. Gewerbliche Konferenz in Klosters diskutierte verschiedene Aspekte eines Wandels, der Bildung, Arbeits­mĂ€rke und sogar GeschĂ€ftsmodelle beeinflusst. Den Auftakt zur Konferenz machte Bundesrat Guy Parmelin, Vorsteher des Eidgenössischen Departements fĂŒr Wirtschaft, Bildung und Forschung. Er ging dabei auf die Anliegen des sgv fĂŒr mehr unternehmerischen Freiraum ein.

Programme

Programm Gewerbliche Winterkonferenz 2020
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Übersicht mit Rahmenprogramm Gewerbliche Winterkonferenz 2020
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Mittwoch, 15. Januar 2020

Demographie im Wandel

Die 71. Gewerbliche Winterkonferenz in Klosters ist im Gang. Das «WEF des Gewerbes» dauert bis zum 17. Januar. Angesagt sind Polit-Diskussionen auf hohem Niveau und Networking zwischen Wirtschaft und Politik. Thema der diesjÀhrigen Winterkonferenz ist die «Demografie im Wandel».

 

Zum letzten Mal eröffnete der bald scheidende GewerbeverbandsprĂ€sident, alt Nationalrat Jean-François Rime, die traditionelle Winterkonferenz in den BĂŒndner Bergen. In seiner Tour d’horizon versicherte Rime, der Schweizerische Gewerbe­verband sgv werde sich weiterhin – und auch nach seine PrĂ€sidialzeit – fĂŒr gute Rahmenbedingungen fĂŒr die Schweizer KMU und gegen ĂŒberbordende Regulierungen einsetzen. Und er warnte vor eine Annahme der Mieterverbandsinitiative, die am 9. Februar zur Abstimmung kommt: «Das Anliegen klingt auf den ersten Blick sympathisch; in Wirklichkeit ist die Initiative ‘fĂŒr mehr bezahlbaren Wohnraum’ aber ein gefĂ€hrlicher Angriff auf das Eigentumsrecht und auf den Föderalismus.»

Rime ĂŒbergab das Wort seinem Parteikollegen, Bundesrat Guy Parmelin. Mit dem Vorsteher des Eidgenössischen Departements fĂŒr Wirtschaft, Bildung und Forschung WBF – laut Rime «ein hochgeschĂ€tzter Mitstreiter des sgv im Kampf gegen ĂŒberbordende Regulierung» – beehrte nach lĂ€ngerem Unterbruch erstmals wieder ein Mitglied der Landesregierung das «WEF der KMU» in Klosters.

Auch Parmelin sprach sich dezidiert gegen die Initiative des Mieterverbands aus. Die Umsetzung einer gesamtschweizerischen 10-Prozent-Quote fĂŒr gemeinnĂŒtzige Neubauwohnungen sei «weder kurz- noch mittelfristig realistisch». Stattdessen mĂŒssten, sollte die Initiative durchkommen, Bund und Kantone einspringen – «mit einem Aufwand und mit Kosten, die absolut nicht verantwortbar wĂ€ren».

Wirtschaftsminister Parmelin zeigte sich ĂŒberdies besorgt, dass der demografische Wandel negative Folgen fĂŒr die wirtschaftliche Entwicklung unseres Landes haben könnte und sprach sich dafĂŒr aus, den Unternehmergeist als wichtigen Teil des Erfolgsrezepts der Schweiz zu stĂ€rken. Viel stehe auf dem Spiel – von der StĂ€dteplanung ĂŒber die Verkehrs- und Infrastruktur bis zu Gesundheit uns Vorsorge: «Dies alles betrifft Unternehmer ebenso wie die Politik, und wir tun gut daran, die Herausforderungen frĂŒhzeitig anzugehen und schon heute wichtige Entscheidungen zu treffen.»

Ziel des Bundesrates sei es, nicht die Wirtschaft zu schĂŒtzen, sondern die Rahmenbedingungen zu verbessern und die WettbewerbsfĂ€higkeit der Schweiz zu stĂ€rken. Patentrezepte gebe es keine, umso wichtiger seien aber eine kontrollierte Zuwanderung, die StĂ€rkung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie und die Flexibilisierung des Arbeitsmarkts.

Im GesprĂ€ch mit Bundesrat Parmelin und sgv-PrĂ€sident Rime liess sich der frĂŒhere SRF-Moderator Reto Brennwald von den Tagungs­themen leiten. Parmelin und Rime waren sich einig, dass der Kampf gegen die ausufernde Regulierung weitergefĂŒhrt werden mĂŒsse und dass in Sachen Digitalisierung die Wirtschaft ihre BedĂŒrfnisse selber formulieren mĂŒsse – der Staat könne hier bloss koordinierend wirken.

Viele Highlights bis Freitag

Die weiteren Highlights von «Klosters 2020» sind am Donnerstagmorgen Überlegungen des Philosophen Ludwig Hasler zur WĂŒrde im Altern, ein Ausblick mit Trendforscher Stefan Breit vom Gottlieb Duttweiler Institut und ein Polit-Podium mit Vertretern von CVP, FDP, GrĂŒnen, SP und SVP. Am Nachmittag des 16. Januar werden «Wandel und Flexibilisierung im Arbeitsmarkt» diskutiert. swissstaffing-PrĂ€sident Leif AgnĂ©us und GastroSuisse-PrĂ€sident Casimir Platzer werden sich Gedanken zm Arbeitsmarkt der Zukunft und zur Rolle der Sozialpartnerschaft machen, und alt Nationalrat und sgv-Direktor Hans-Ulrich Bigler wird eine politische Einordnung vornehmen. Ein Podium mit Wirtschaftsvertretern verschiedener Branchen wird am Abend Wandel und Flexi­bi­lisierung des Arbeitsmarkts in der Praxis unter die Lupe nehmen.

Am Freitag werden Bildung und Digitalisierung im Zentrum des Interesses stehen. StaatssekretĂ€rin Martina Hirayama vom Staatssekretariat fĂŒr Bildung, Forschung und Innovation SBFI wird beleuchten, was die Bildung leisten muss, um Tradition, Wandel und Digitalisierung unter einen Hut zu bringen. Bexio-GrĂŒnder Jeremias Meier und der stellvertretende sgv-Direktor Henrique Schneider werden nach digitalen FĂ€higkeiten in KMU fragen, und ein Podium mit Parteivertretern wird diskutieren, was Ă€ndern muss, damit Innovation erfolgreich betrieben werden kann.

Am Freitagabend schlieslich wird der an der Uni­versitÀt Hamburg lehrende Schweizer Wirt­schafts­professor Thomas Straubhaar aufzeigen, weshalb alte Ideologien nicht weiterhelfen, um bei der Digitalisierung weiterzukommen, sondern neue Konzepte unverzichtbar sind.

Vielseitiges Rahmenprogramm

Traditionell wird ein vielfĂ€ltiges Rahmenprogramm die politischen Diskussionen auflockern und es den GĂ€sten von «Klosters» ermöglichen, neue Kontakte zu knĂŒpfen und alte zu vertiefen.


16. Januar 2020

LĂ€ngeres Leben und die Folgen

«Wir sind noch nicht bereit, anzuerkennen, dass ‘Alter’ heute etwas völlig anderes bedeutet als je in der Geschichte vor uns», hielt der 75jĂ€hrige, vife und wache Philosoph Ludwig Hasler an der Gewerblichen Winterkonferenz in Klosters fest. WĂ€hrend «Alte» frĂŒher arbeiteten und weiter zur Sippe gehörten, indem sie sich nĂŒtzlich machten, werde heute ein willkĂŒrlicher, scharfer Schnitt gemacht, indem ums Alter von 65 herum die «BeschĂ€ftigtheit» von 100 auf Null sinke – mit teils erschreckenden Auswirkungen. Sei das Altern frĂŒher als «Vorbereitung auf das Jenseits» begriffen worden, so komme heute «der Druck nicht mehr vom Himmel, sondern von uns selber». Die Folge: Eine um sich greifende «Erlebnissucht», ein Reisen ohne Ende «aus Furcht, etwas verpasst zu haben».

«Sinn», so Hasler, ergebe sich viel eher aus dem «Mitwirken an etwas, das grösser ist als wir selber» – an der Zukunft anderer. Hasler warb dafĂŒr, «Alte» nicht als Passivmitglieder der Gesellschaft, sondern als Akteure zu behandeln. Akteure auch, die ihre Erfahrungen lĂ€nger als heute in die Arbeitswelt einbringen und im Zusammenspiel mit den Jungen deren frisches Wissen, deren Elan und deren Illusionen mit ihrem «angewandtem Wissen» ergĂ€nzen sollten.

KMU seien heute eher bereit als Konzerne, den Wert der Erfahrungen Ă€lterer Menschen zu nutzen. «Dass eine höhere Lebenserwartung auch ein lĂ€ngeres Aktivsein erfordert, mĂŒssen uns keine Mathematiker erklĂ€ren», so Hasler in seinen mit grossem Applaus verdankten Überlegungen, «das sehen heute alle, die das Thema mit wachen Augen anschauen.»

Demographie verÀndert Demokratie

«In den meisten Themen Ă€ndert sich die öffentliche Meinung, weil alte Menschen ihre Meinung mit ins Grab nehmen.» Demografische VerĂ€nderungen wirkten doppelt so stark wie VerĂ€nderungen in den Überzeugungen der Menschen, hielt der ehemalige Mittelstreckenprofi Stefan Breit fest, der heute am Gottlieb Duttweiler Institut forscht. Der Begriff «Offenheit» sei «extrem individuell» und zudem möglichst wertfrei zu betrachten.

Dennoch gelte, dass die Offenheit der Menschen mit deren Lebensdauer tendenziell abnehme: «Ein lÀngeres Leben verÀndert auch den Umgang mit Neuem», so Breit. Dennoch beobachte die Forschung einen Wechsel von Explorieren und Bewahren. Und: «In unterschiedlichen Bereichen altern wir unterschiedlich schnell.»

Lebenserwartung steigt – was bedeutet dies?

«Was bedeutet der demographische Wandel fĂŒr die Politik?» Unter Leitung von Ex-SRF-Moderator Reto Brennwald diskutierten auf dem Podium die StĂ€nderĂ€te Thierry Burkart (FDP/AG) und Jakob Stark (SVP/TG) sowie die Nationalratsmitglieder Mattea Meyer (SP/ZH), Nicolo Paganini (CVP/SG) und Franziska Ryser (GrĂŒne/SG).

«Die Einteilung der Menschen in ‘jung’ und ‘alt’ anhand einer Grenze von 64 oder 65 Jahren ist der grösste Fehler, den sich die Politik geleistet hat», zeigte sich Burkart ĂŒberzeugt. Ein starres Renten­alter habe eine Signalwirkung auf die gesamte Gesellschaft. Eine steigende Lebenserwartung sei ja eigentlich erfreulich, doch es fehle oft an Respekt fĂŒr Ă€ltere Menschen. «Mit Begriffen wie ‘alte weisse MĂ€nner’ oder ‘Umweltsau’ die Verantwortung fĂŒr jegliche MissstĂ€nde den Älteren zuzuschanzen, ist vor allem eines: Eine bizarre Diskussion, die niemandem etwas bringt.»

FĂŒr Stark ist es «ein Fehler, dass die Lebens­er­wartung bisher nicht in die Diskussion ums Rentenalter einbezogen worden ist». Die Schweiz mĂŒsse wegkommen von einem starren Rentenalter und die Arbeitswelt flexibler gestalten: Mit einer Richtgrösse, die flexibel gehandhabt werde, mit mehr Teilzeitarbeit auch nach 64 oder 65 Jahren, tieferen BVG-SĂ€tzen fĂŒr Ă€ltere Arbeitnehmer – aber nicht einer ÜberbrĂŒckungsrente. «Das wĂ€re der völlig falsche Weg», sagte Stark, «und wĂŒrde den FachkrĂ€ftemangel und die AbhĂ€ngigkeit von der Zuwanderung noch verstĂ€rken». Besser seien verstĂ€rkte Anreize: «Es muss sich fĂŒr die Wirtschaft lohnen, Ă€ltere Arbeitnehmende zu beschĂ€ftigen».

Paganini warf die Frage auf, ob und wie lange es bezahlbar bleiben werde, dass Menschen «bloss 40 von möglichen 100 Lebensjahren aktiv zur Wert­schöpfung beitragen». Dabei sieht der per Ende Mai abtratende Olma-Direktor aber auch die Mitarbeitenden selber in der Pflicht: «Sie mĂŒssen akzeptieren, dass ihre Rollen sich Ă€ndern, dass Löhne auch sinken können und dass Qualifi­kationen Ă  jour zu halten sind.»

Die mögliche kĂŒnftige SP-Co-PrĂ€sidentin Meyer wehrte sich dagegen, die steigende Lebens­er­wartung bei der Diskussion ums Rentenalter fix miteinzubeziehen. «Wer lebt wie lange?», fragte sie mit Blick darauf, «dass es sich gut Ausgebildete eher leisten können, frĂŒher in Rente zu gehen als Bauarbeiter oder Coiffeusen». Man mĂŒsse sich von der Idee lösen, nur Erwerbsarbeit sei wertvolle Arbeit – und eine ÜberbrĂŒckungsrente fĂŒr Ă€ltere Arbeitslose sei zwingend.

Die GrĂŒne ETH-Maschineningenieurin Ryser schliesslich plĂ€dierte dafĂŒr, auch Freiwilligen- und Teilzeitarbeit stĂ€rker zu schĂ€tzen und die Arbeit ĂŒber die gesamte Lebensspanne zu betrachten. «Wir mĂŒssen Optionen offenhalten, gemischte Teams fördern – und anerkennen, dass die Diskussion ums Rentenalter keineswegs nur eine mathematische, aber sehr wohl eine politische ist.»


Mittagsplausch auf dem Eis

Am Donnerstagmittag standen Spiel und Plausch auf dem Programm. Wer wollte konnte sein Geschick auf dem Eisfeld beim Eisstockschiessen im Sportzentrum von Klosters versuchen oder bei einem feinen ApĂ©ro, gesponsert vom BĂŒndner Gewerbeverband, sein Netzwerk pflegen. Strahlendes Winterwetter sorgte fĂŒr gute Laune.


Sozialpartnerschaft in Schieflage

Die tiefe Arbeitslosenquote in der Schweiz tĂ€uscht nicht darĂŒber hinweg, dass sich der Arbeitsmarkt im Wandel befindet. Die zwei Schlagworte der Stunde lauten Flexibilisierung und Sozial­partner­schaft. «Die Gewerkschaften gefĂ€hrden die Sozialpartnerschaft», sagte Leif AgnĂ©us, PrĂ€sident von swissstaffing anlĂ€sslich der 71. Gewerblichen Winterkonferenz. AgnĂ©us kritisierte in Klosters konkret, dass zunĂ€chst der GAV ausgehandelt wird, die Gewerkschaften anschliessend aber ihre nicht erreichten Punkte auf kantonaler Ebene durch­setzen wollen.

Das bekannteste Beispiel sind die Mindestlöhne. «Genf und Tessin haben bereits kantonale Mindestlöhne, weitere Kantone sind auf dem Weg dazu», sagte Casimir Platzer, PrĂ€sident von GastroSuisse. Er wandte sich direkt an die Gewerbevertreter: «Die Gewerkschaften sitzen mit ihnen am Tisch, um den GAV auszuhandeln und wollen dann auf kantonaler Ebene Mindestlöhne einfĂŒhren.»

Die Antwort des Gewerbes heisst «Allianz fĂŒr die StĂ€rkung der Sozialpartnerschaft» und besteht aus 29 VerbĂ€nden und Branchenorganisationen, zu denen unter anderem der Schweizerische Gewer­be­verband sgv, GastroSuisse und eben auch swissstaffing, der Verband der Personal­dienst­leister, zĂ€hlen. WĂ€hrend Leif AgnĂ©us sich in aller Deutlichkeit zur Sozialpartnerschaft bekannte («Sie ist ein wichtiger Sockel fĂŒr den liberalen Arbeits­markt»), erinnerte Casimir Platzer daran, dass die Mindestlohn-Initiative im Jahr 2014 mit 76,3 Prozent Nein-Stimmen abgeschmettert wurde.

Gewerbliche Winterkonferenz 2020: «Allianz für die Stärkung der Sozialpartnerschaft» - Casimir Platzer, Präsident GastroSuisse
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Dass die Gewerkschaften und eine Motion der Tessiner GrĂŒnen-NationalrĂ€tin Greta Gysin (Motion 19.4406: BekĂ€mpfung von Lohndumping. Mehr Kompetenzen fĂŒr die Kantone.) nun kantonale Mindestlöhne fordern, sei «sicher nicht im Sinne der Sozialpartnerschaft». Platzer weiter: «Ich könnte mir vorstellen, dass bald 6 Wochen Ferien oder ein 14. Monatslohn gefordert werden.» Dagegen wird sich die Allianz fĂŒr die StĂ€rkung der Sozialpartnerschaft wehren. Hat ein erster Vorstoss noch einen Betriebsunfall erlitten, werde schon bald ein nĂ€chster folgen, kĂŒndigte Platzer an. «Wir wollen eine echte Sozialpartnerschaft und keinen Flickenteppich, bei welchem in jedem Kanton etwas anderes gilt.»

FĂŒr die Perspektiven der Jungen kĂ€mpfen

Gewerbeverbandsdirektor Hans-Ulrich Bigler appellierte in seiner politischen Einordnung an die Gewerbler, den flexiblen Arbeitsmarkt zu verteidigen. Dieser sei ein Erfolg: «Wir haben gottseidank eine tiefe Jugendarbeitslosigkeit.» Die junge Generation habe eine Perspektive. «Deshalb lohnt es sich, dafĂŒr zu kĂ€mpfen», so Bigler. Er erinnerte insbesondere an die Regulatorien. Ob jemand wisse, fragte er ins Publikum, aus welchem Jahr das aktuell gĂŒltige Arbeitsgesetz stamme. Die richtige Antwort: 1966. «Es atmet noch den Geist des industriellen Zeitalters der FĂŒnfziger- und Sechzigerjahre», sagte Bigler. Dies entspreche nicht mehr den heutigen Arbeitsmarktgegebenheiten. «Der Konflikt ist vorprogrammiert. Wir wollen anders arbeiten.»

Wie man anders arbeiten kann, diskutierten die Teilnehmer des Podiums zum Thema «Wandel und Flexibilisierung in der Praxis», das von NZZ-Journalist Michael Schönenberger moderiert wurde. Nicole Barandun, PrĂ€sidentin des Gewerbeverbands der Stadt ZĂŒrich, wies daraufhin, dass FlexibilitĂ€t nicht in allen Branchen das Gleiche bedeute. «Viele unserer Mitglieder wollen den Kundenkontakt nicht aus der Hand geben. Die Kunden schĂ€tzen es, wenn immer derselbe Mitarbeiter sich um sie kĂŒmmert.

Viktor CalabrĂČ, GrĂŒnder von coople.com, einer On-Demand-Plattform fĂŒr flexible Arbeit, sieht den Wunsch nach mehr FlexibilitĂ€t bei der Arbeit als Chance fĂŒr den Arbeitsmarkt. «Wir können es uns nicht leisten, hochqualifizierte Arbeitnehmer zuhause zu lassen, nur weil wir ihnen nicht die Möglichkeit zur Teilzeitarbeit bieten.»

Hansruedi SchafflĂŒtzel, CEO der Verpackungs­her­stellerfirma Wipf AG, erzĂ€hlte von seinen Ange­stellten: «Bei uns denken die kreativen Leute nach der Arbeit weiter. Das wĂ€re ja auch Arbeitszeit, die man aufschreiben mĂŒsste, egal wo sie sich gerade befinden.

Auch fĂŒr Nicole Herzog, VerwaltungsratsprĂ€sidentin bei Sherpany, MarktfĂŒhrer fĂŒr Sitzungsmanagement Software, ist nicht der Ort der Arbeit entscheidend, kann die Firma seine Angestellten doch auf der ganzen Welt rekrutieren. Trotzdem sei es nicht einfach, Fach­krĂ€fte zu finden. «Ich glaube es wurde schlicht unterschĂ€tzt, welche Auswirkungen die Digitalisierung auf den Arbeitsmarkt haben wird.»

«Ich denke, wir haben sehr wohl etwas falsch gemacht», widersprach Bernhard Mollet von Oetterli Kaffee. «Was meine Kinder in der Schule erleben, das kann nicht begeistern. Wenn der Lehrer eine Pflaume ist und nicht einmal eine Powerpoint-PrĂ€sentation starten kann, wie soll er dann die Kinder fĂŒr die IT begeistern?» GelĂ€chter im Publikum, doch Mollet fuhr sogleich fort: «Wir brauchen nicht einfach PĂ€dagogen, wir brauchen Menschen die unsere Kinder begeistern können. Und keine Pflaumen.»

Grosser Applaus im Silvretta Parkhotel. Mollet hatte das Publikum schon zuvor in seiner Rolle als umsichtiger Patron verzĂŒckt als er sagte: «Meine Leute können 30 Tage ohne mich arbeiten, dann brauchen sie mich, weil sie ihren Lohn wollen. Ich aber kann nicht einen einzigen Tag ohne meine Angestellten arbeiten.»


Freitag, 17. Januar 2020

Digitalisierung: KMU mit Nachholbedarf

Welche digitalen FĂ€higkeiten finden sich in KMU, welche sind noch nicht vorhanden? Darum drehte sich in Klosters ein GesprĂ€ch zwischen Jeremias Meier, GrĂŒnder und CEO der Business-Software-Plattform Bexio und Henrique Schneider, beim Schweizerischen Gewerbeverband sgv zustĂ€ndig fĂŒrs Thema Digitalisierung.

Sechs Jahre nach der GrĂŒndung vertrauen bereits mehr als 25'000 Schweizer KMU der Plattform Bexio. «Unsere Kunden sind keine IT-Profis», sagte Meier. «Dank unserem Support können sie sich auf ihr KerngeschĂ€ft konzentrieren und haben mehr Zeit fĂŒr ihre Kunden.» Meier ortet bei den KMU ein «enormes Potenzial» in Sachen Digitalisierung: bis zu 70 Prozent aller Firmen mit weniger als zehn Mitarbeitenden seien noch nicht digitalisiert.

«Es muss jetzt rasch gehen»

Ein vom sgv initiierter Workshop mit KMU-Ver­tretern im November 2019 hat aufgezeigt: Das Interesse am Thema Digitalisierung ist gross. Kleine Firmen wollen hier vorwĂ€rtsgehen – oft wissen sie aber nicht, was genau sie tun sollen respektive dĂŒrfen. «Es ist die Aufgabe jedes einzelnen Unter­nehmers, seine Firma fĂŒr die digitale Zukunft fit zu machen», sagte Schneider.

Branchenlösungen könnten weiterhelfen; vor allem aber sei noch viel zu tun betreffend die AufklĂ€rung: «Welche Anpassungen sind nötig, welche Aufbe­wahrungsfristen gelten wo, wie funktioniert eine elektronische Unterschrift?» Hier setze sich der Gewerbeverband aktiv ein. Bis zum FrĂŒhjahr werde der sgv mit einem Forderungskatalog ans Wirtschaftsministerium WBF herantreten und dadurch mithelfen, KMU den dringend nötigen Schritt in die Digitalisierung zu erleichtern.

Denn die Anpassung an die neuen RealitĂ€ten mĂŒsse nun rasch vorangehen. «Die Schweiz darf sich hier nicht mit dem Mittelmass zufrieden geben», sagte der Bexio-GrĂŒnder, «sonst schmelzen unsere wirtschaftlichen Vorteile bald weg.» Am Beispiel des Smartphones oder der digitalen Fotografie werde klar: «Lange kann scheinbar wenig passieren, aber dann geht alles sehr schnell.» Der immer globaler werdende Wettbewerb betreffe auch hiesige KMU. «Deshalb muss heute brach liegendes Potenzial erkannt und etwa die Kommunikation mit der Verwaltung möglichst rasch vereinfacht werden.»

Diese Ansicht vertrat auch Martina Hirayama vom Staatssekretariat fĂŒr Bildung, Forschung und Innovation SBFI. «Mit der Plattform digitalinform.swiss unterstĂŒtzt der Bund Schweizer Firmen in ihren Anstrengungen zur Digitalisierung.»

Gewerbliche Winterkonferenz 2020: Tradition, Wandel und Digitalisierung: Was muss Bildung leisten? - Martina Hirayama, Staatssekretärin SBFI
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Schweiz muss innovativ bleiben

Was sich Ă€ndern muss, damit die Schweiz innovativ bleibt, diskutierten unter der Leitung von NZZ-Redaktor Michael Schönenberger die National­rats­mitglieder Franz GrĂŒter (SVP/LU), Sandra Locher Benguerel (SP/GR) und Andri Silberschmidt (FDP/ZH) sowie Sarah BĂŒnter, PrĂ€sidentin der jungen CVP.

«Die Schweiz muss sich in Sachen Innovation nicht verstecken, und es besteht keinerlei Grund fĂŒr Minderwertigkeitskomplexe», stellte IT-Unter­nehmer GrĂŒter klar. Unser Land werde als Forschungsstandort immer attraktiver, und «zahlreiche extrem innovative Kleinfirmen werden von Grosskonzernen aufgekauft: Hier findet sehr wohl Innovation statt.» Selbstkritisch stellte GrĂŒter aber auch fest: «Die IT-Industrie hat es zu lange verschlafen, Nachwuchs auszubilden – und die Internationalen verstehen oft gar nicht, was wir hier eigentlich tun und wie Berufsbildung funktioniert.» Zudem wĂŒrde der Industrie gut ausgebildete Frauen fehlen.

FĂŒr Neo-Nationalrat und Unternehmer Silber­schmidt «muss die Schweiz selber ein Label sein». Innovation dĂŒrfe nicht mit Digitalisierung gleichgesetzt werden, und Fachhochschulen mĂŒssten endlich auch lehren, wie Unternehmen gegrĂŒndet wĂŒrden. Wichtig sei, dass keine ĂŒbertriebenen Regulierungen die unterneh­merische Freiheit beschrĂ€nkten, keine zu hohen HĂŒrden fĂŒr auslĂ€ndische FachkrĂ€fte aufgebaut wĂŒrden und genĂŒgend Risikokapital bereitstehe.

SP-Vertreterin Locher plĂ€dierte dafĂŒr, dass die Politik das Risiko eines unternehmerischen Scheiterns abfedern solle; einer generellen Lockerung des Arbeitsgesetzes stehe sie aber kritisch gegenĂŒber. Anders JCVP-PrĂ€sidentin BĂŒnter: «Das aus dem Jahr 1966 stammende Arbeitsgesetz ist fĂŒr junge Firmen – gerade auch im Bereich Digitalisierung – ein Problem. Es muss dringend den heutigen Gegebenheiten angepasst werden.»


«Pushen Sie Ihre Enkel ins Handwerk»

«Digitalisierung ist bei weitem nicht nur ein technologisches PhĂ€nomen», sagte Thomas Straubhaar, Professor fĂŒr Internationale Wirtschafts­be­ziehungen an der UniversitĂ€t Hamburg zum Abschluss der Gewerblichen Winterkonferenz. Der Megatrend verĂ€ndere die Gesellschaft nicht nur technisch, sondern auch kulturell, sozialökonomisch, oder kurz gesagt: komplett. Denn die Digitalisierung sei weit mehr als nur «eine alte Welt mit Internetanschluss».

In gewissen Bereichen werde vermeintliche Science Fiction zur Wirklichkeit. Was hat schon die Fortpflanzung mit Digitalisierung zu tun? «Reproduktion durch Sex wird in der Zukunft als Risiko fĂŒr die Kinder betrachtet», so eine These des renommierten Professors. Schliesslich könne die Fortpflanzung auch durch kĂŒnstliche Befruchtung realisiert werden.

Damit brachte Straubhaar zum Ausdruck, dass Dinge, die uns heute unmöglich erscheinen, morgen schon NormalitĂ€t sein können. Science Fiction werde Wirklichkeit. «Ein Feuerwerk an Überlegungen», sagte Hans-Ulrich Bigler zum Blick ĂŒber den Tellerrand von Straubhaar zum Abschluss der Winterkonferenz in Klosters.

Handwerk schĂŒtzt vor Digitalisierung

Professor Straubhaar verstand es, mit seinen Thesen das Publikum zum Nachdenken anzuregen. Eine Frage aus dem Publikum lautete, was Grosseltern ihren Kindern raten sollen. «Pushen Sie Ihre Kinder ins Handwerk», so die ĂŒberraschende Antwort. Das Handwerk sei vor der Digi­ta­lisierung geschĂŒtzt. Denn fĂŒr viele manuelle TĂ€tigkeiten lohne es sich schlicht nicht, einen Roboter zu programmieren.

Der Wandel an und fĂŒr sich ist natĂŒrlich nicht aufzuhalten. Der Wandel in der Ökonomie sei vor allem getrieben durch Daten. «Die Versicherungen werden Sie in Zukunft kaum zwingen, Ihre Daten herauszugeben», erklĂ€rte Straubhaar. «Aber wenn Sie es nicht tun, dann werden Sie ganz bestimmt mehr bezahlen mĂŒssen.» Eine Gesellschaft, in der durch Daten ein Ranking erstellt wird, dank welchem weiter oben rangierte Personen eine bessere Bildung geniessen können und schneller eine medizinische Versorgung erhalten? Straubhaar: «Das ist nicht Science Fiction!»

Digitalisierung bedeutet Individualisierung

«Der grösste Hotelbetreiber der Welt kommt nicht aus dem Tourismus. Er hat gar keine Ahnung von Tourismus», so Straubhaar ĂŒber Airbnb. Das gleiche Prinzip bei Uber und Amazon. Nicht dank Insiderkenntnissen der Branche, sondern dank einer digitalen Lösung, einem Algorithmus, sei es gelungen, ganze Branchen zu verĂ€ndern. «Was heute Daten sind, waren frĂŒher Waren.»

Mit diesen Daten wird gearbeitet. «Wenn Sie es auf die Spitze treiben wollen, bedeutet Digitalisierung Individualisierung», so Straubhaar. «Im Guten wie im Schlechten.» Dies beginne bei der Geburt und gehe ĂŒber den eigenen Tod hinaus, Stichwort Organspende.

IndividualitĂ€t entstehe durch die Durchsichtigkeit der Gesellschaft und der einzelnen Menschen. Straubhaar sprach vom «glĂ€sernen Kunden». «Wer online unterwegs ist, kriegt individuelle Preise. FrĂŒher ging man in den Laden und der Preis war fĂŒr alle derselbe, ausser Sie waren ein ausseror­dentlich treuer Kunde», erklĂ€rte Straubhaar. Heute bezahlten bereits viele Kunden die online einkaufen individuelle Preise. Weil sie glĂ€serne Kunden seien, alle Daten gesammelt wĂŒrden. Ob man es wolle oder nicht: «Big Brother ist watching you.»

«Digitalisierung: Wieso alte Ideologien nicht weiterhelfen, sondern neue Konzepte nötig werden!» - Prof. Dr. Thomas Straubhaar, Universität Hamburg
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PrÀsentationen / Referate

16. Januar 2020
  • «Allianz fĂŒr die StĂ€rkung der Sozialpartnerschaft» - Casimir Platzer, PrĂ€sident GastroSuisse (Powerpoint / PDF)
17. Januar 2020
  • «Tradition, Wandel und Digitalisierung: Was muss Bildung leisten?» - Martina Hirayama, StaatssekretĂ€rin SBFI (Powerpoint / PDF)
  • «Digitalisierung: Wieso alte Ideologien nicht weiterhelfen, sondern neue Konzepte nötig werden!» - Prof. Dr. Thomas Straubhaar, UniversitĂ€t Hamburg (Powerpoint / PDF)

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