Gewerbliche Winterkonferenz 2018 | Schweizerischer Gewerbeverband sgv | Dachorganisation der Schweizer KMU

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69. Gewerbliche Winterkonferenz

Der Wert der KMU – in Politik, Markt und Bildung

Parkhotel Silvretta Klosters 10. – 12. Januar 2018

Die KMU sind das RĂŒckgrat der Schweizer Volkswirtschaft – doch wie kann dieser Wert in politische Erfolge beim Kampf gegen unnötige Regulierungen umgemĂŒnzt werden? Wie schöpfen KMU Wert in ihren strategischen und operativen GeschĂ€ftsfeldern? Und wie kann der Wert der Berufsbildung erhalten bleiben?

Programm Gewerbliche Winterkonferenz 2018
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Rahmenprogramm Gewerbliche Winterkonferenz 2018
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News aus Klosters

Mittwoch, 10. Januar 2018

Der Wert der KMU

Die 69. Gewerbliche Winterkonferenz im bĂŒndnerischen Klosters ist im Gang. Bis Freitag, 12. Januar gibt sich das Who is Who der Schweizer KMU-Landschaft im verschneiten PrĂ€ttigau ein Stelldichein; zum politischen Austausch ebenso wie zum KnĂŒpfen auf Auffrischen von persönlichen Beziehungen. Das Tagungsthema – es ist gleichzeitig Jahresthema bei organisierenden Schweizerischen Gewerbeverband sgv – lautet: «Der Wert der KMU».

95 Prozent trÀgt die Wirtschaft

„95 Prozent der Kosten als Folge von Gesetzgebung trĂ€gt die Wirtschaft“: Dies sagte gleich zu Beginn von «Klosters 2018» Johannes Ludewig, der Vorsitzende des nationalen Normenkontrollrats (NKR). Sein Thema: «BĂŒrokratieabbau und Begrenzung von Folgekosten» in Deutschland.

Jean-François Rime, Präsident des sgv und Nationalrat SVP/FR, eröffnete die 69. Gewerbliche Winterkonferenz. Jean-François Rime, Präsident des sgv und Nationalrat SVP/FR, eröffnete die 69. Gewerbliche Winterkonferenz.

«Wissen, was man tut»: Unter diesem Motto setzen sich Ludewig, vor elf Jahren von der Bundeskanzlerin direkt ernannter Chef des NKR mit Sitz im Kanzleramt und sein Team dafĂŒr ein, dass die einmaligen und wiederkehrenden Folgekosten politischer Entscheidungen auf Bundesebene fĂŒr die BĂŒrgerinnen und BĂŒrger ebenso wie fĂŒr Wirtschaft und Verwaltung transparent gemacht und wo möglich abgebaut werden. Wichtig dabei, so Ludewig: «Alle Gesetze, Verordnungen und Verwaltungsvorschriften auf Bundesebene werden im Voraus geprĂŒft.» Ähnlich der Schweizer Vernehmlassung nimmt der NKR zu Vorlagen Stellung, bevor diese von Regierung und Bundestag beraten werden. Zwei Jahre nach Inkrafttreten von Gesetzen werden die Folgen dann noch einmal – diesmal durch das Statistische Bundesamt – gemessen. Sind die Kosten klar höher als erwartet, so beginnt das „Spiel“ von vorn.

Die Methode wirkt...

Dass diese Methode „dank Druck im System“ tatsĂ€chlich wirkt, belegte Ludewig mit Zahlen. So seien etwa bei der Umstellung der Kindergelder 2015 Verwaltungskosten von 140 Millionen Euro oder beim Abgleich der Steuer-ID 2016 Kosten von 146 Millionen bei der Wirtschaft und nochmals 96 Millionen bei den BĂŒrgern vermieden worden. Ganze 1,3 Milliarden Kosten wurden vermieden, indem eine ĂŒbertriebene Regelung zu Waffen­­schrĂ€nken auf ein sinnvolles Mass reduziert werden konnte.

Und: Dank der 2015 eingefĂŒhrten Regelung „one in, one out“ (wird ein Gesetz neu eingefĂŒhrt, so muss ein anderes dafĂŒr weichen) nĂ€hmen die Ministerien die Folgekosten von Gesetzgebung noch sorgfĂ€ltiger unter die Lupe, so Ludewig.

...trotz Kosten durch EU

Dem Abbauziel von 25 Prozent bei den rund 50 Milliarden Euro teuren Informationspflichten fĂŒr die Wirtschaft – die HĂ€lfte davon soll E-Government bringen – stehen allerdings auch Kosten fĂŒr den bĂŒrokratischen «ErfĂŒllungsaufwand» gegenĂŒber. Interessant dabei, auch aus Schweizer Sicht: Rund die HĂ€lfte dieses Aufwands fĂŒr die deutsche Wirtschaft entsteht dadurch, dass sie Vorgaben der EuropĂ€ischen Union (EU) umsetzen muss...

Auch BrĂŒssel muss mitziehen

Die EU: Auch im vom wenig motiviert wirkenden Tagi-Chefredaktor Arthur Rutishauser moderierten GesprĂ€ch mit GewerbeverbandsprĂ€sident und Nationalrat Jean-François Rime nahm sie eine wichtige Rolle ein. Es sei wichtig, so NKR-Chef Ludewig, dass auch „BrĂŒssel“ die Folgekosten der EU-Regulierung endlich ernster nehme. GrundsĂ€tzlich plĂ€dierte der Deutsche dafĂŒr, die Eckpunkte eines – vermeintlichen oder tatsĂ€chlich bestehenden – Problems erst sehr grĂŒndlich zu analysieren, bevor dann – allenfalls – ein neues Gesetz erlassen werde.

Rime und Ludewig waren sich aber auch darĂŒber einig, dass Deregulierung allein kein Dogma sein dĂŒrfe. Anzustreben sei ein Mittelweg zwischen nötiger Regulierung und dem wichtigen Ziel, unnötige Regeln und Gesetze wieder abzuschaffen.

Bürokratieabbau und Begrenzung von Folgekosten - Dr. Johannes Ludewig, Präsident des deutschen Normen-Kontrollrates
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Donnerstag, 11. Januar 2018

Regulierungen – ein DauerĂ€rgernis

Der Wert der KMU und die Folgen der Regulierung fĂŒr die KMU standen am Donnerstagmorgen im Zentrum des Interesses. Als direkt Betroffene gaben die Thurgauer SVP-NationalrĂ€tin Diana Gutjahr, der ZĂŒrcher KGV-PrĂ€sident Werner Scherrer sowie Matthias Baumberger, Direktor des Verbands der Schweizerischen Lack- und Farbenindustrie, Einblicke in ihren Alltag.

Baumberger warnte vor einem „Durchwinken“ internationaler Protokolle durch Politik und Verwaltung und illustrierte am Beispiel der flĂŒchtige organischen Verbindungen VOC, wohin eine Überregulierung fĂŒhren kann. „Die Mehrkosten von rund 1,5 Millionen Franken wĂŒrden besser in Innovation als in eine weitere, völlig unnötige VerschĂ€rfung der Luftreinhaltemassnahmen investiert.“

Metallbau-Unternehmerin Gutjahr beschrieb am Beispiel der Flankierenden Massnahmen und der Solidarhaftung, welche massiven Mehrkosten fĂŒr Schweizer Unternehmen entstehen, weil auslĂ€ndische Subunternehmen sich nicht an die Regeln halten, wĂ€hrend in Schweizer Amtsstuben Gesetze nach Punkt und Komma – und oft weit darĂŒber hinaus – umgesetzt werden.

Messer-Experte Scherrer beschrieb anhand eindrĂŒcklicher Beispiele, wie KMU-Chefs – „stressresistent, pragmatisch und möglichst zĂŒgig“ – mit unsinnigen Regulierungen umgehen. Sein Wunsch an die Politik: „Weniger Gesetze, weil die Verwaltung diese immer als Vorwand fĂŒr noch mehr Kontrollen und Schikanen verwenden wird.“

Regulierungskosten senken

Gewerbedirektor und Nationalrat Hans-Ulrich Bigler erinnerte an das Kernanliegen des Schweizerischen Gewerbeverbands sgv: Der Kampf gegen neue und ungerechtfertigte Steuern, GebĂŒhren und Abgaben. „Die Regulierungskosten in der Schweiz betragen rund zehn Prozent des BIP; in Zahlen: 60 Milliarden Franken – und das Jahr fĂŒr Jahr.“ Wenn also unnötige Regulierungskosten eingespart werden, so Bigler drei Jahre nach dem „Frankenschock“ durch die Aufgabe des Euro-Mindestkurses, so bedeutet dies Wachstum.“

In der Folge erlĂ€uterte Bigler das aus drei Teilen bestehende Konzept der Regulierungskostenbremse. Bestehende Gesetze seien nach Einsparpotenzial zu durchforsten, neue Gesetze mit einem Preisschild zu versehen und – sind mehr als 10‘000 Unternehmen betroffen und ĂŒberschreiten die Kosten eine noch zu bestimmende Höhe – in der Schlussabstimmung im Parlament mit absolutem Mehr zu verabschieden. Bigler appellierte nicht nur an den Bund, sondern auch an die Politik auf Kantons- und Gemeindeebene, die Kosten fĂŒr neue Regulierungen genau zu analysieren, bevor Gesetze beschlossen werden.

Alles kein Problem?

Auf dem Podium, moderiert von Tele Z-Chefredaktorin Claudia Steinmann, kreuzten Parlamentsmitglieder aus vier Parteien die Klingen.

FĂŒr Alois GmĂŒr (CVP) ist schon nur die Idee eine Regulierungsbremse „blöd“. Der Schwyzer Bierbrauer – er beliefert u.a. die links-autonome Chaostruppe in der Stadtberner „Reitschule“ mit seinem Gestensaft – bezeichnete die zuvor beschriebenen behördlichen Schikanen als „nicht relevant“, was ihm prompt den lautstarken Protest des Publikums einbrachte. Überhaupt seien Regulierungen nicht a priori schlecht, so GmĂŒr: „Sie bringen auch AuftrĂ€ge fĂŒrs Gewerbe.“ Eine Lockerung der Schuldenbremse dagegen – sie fĂŒhrte die Schweiz in eine vom Ausland oft gelobte finanzpolitische StabilitiĂ€t – hĂ€lt GmĂŒr fĂŒr angebracht.

Daniela Schneeberger (FDP) gab GmĂŒr in einem Punkt recht: „Auch parlamentarische Vorstösse fĂŒhren zu neuen Kosten.“ Die PrĂ€sidentin von TreuhandSuisse plĂ€dierte fĂŒr das direkte GesprĂ€ch mit der Verwaltung: „Immer wieder ‚gusle‘, das hilft oft mehr.“

Edith Graf-Litscher (SP) zeigte am Beispiel der Zulassungsbehörde Swissmedic auf, wie alteingesessenen Unternehmen das Leben schwer gemacht wird. Es sei wichtig, so Graf, dass DachverbĂ€nde wie der sgv „der Verwaltung auf die FĂŒsse treten“. Und die Thurgauerin gab – aus dem Munde einer SP-Vertreterin so nicht erwartet – zu Protokoll, was auch der sgv stets aufs Neue moniert: „KaderfunktionĂ€re machen oft gleich selber Politik“


Die Aargauer Unternehmerin Silvia FlĂŒckiger (SVP) schliesslich erinnerte am Beispiel „Sonntagsarbeit fĂŒr Lehrlinge in der BĂ€cker- und Konditorenbranche“ daran, dass nur konstanter Druck aus Politik und VerbĂ€nden die Verwaltung zu einem Umdenken bewegen könne. Zu den Ă€rgerlichen Statistikaufgaben meinte FlĂŒckiger locker: „Schmeissen Sie die Dinger mit Wonne in den Papierkorb!“

Gemeinsam und generationenĂŒbergreifend Werte schaffen

Am Donnerstagnachmittag der 69. Winterkonferenz wurde der Wert der KMU im Markt etwas genauer unter die Lupe genommen. Dabei ging es darum wie Unternehmen Wert schöpfen. Beispiele dafĂŒr sind kluge Vertriebskonzepte oder Franchise-Kooperationen, um neue MĂ€rkte zu erschliessen und Vorteile in Einkauf und Verkauf zu generieren. Heute reiche es nicht mehr, wenn Produkte und Dienstleistungen im Zentrum stĂ€nden, so Christoph Wildhaber, GeschĂ€ftsfĂŒhrer Schweizer Franchise Verband. „Heute steht der Kunde im Mittelpunkt und Werte fĂŒr eine breite Massen mĂŒssen geschaffen werden. Ein moderner Betrieb ist ein gefĂŒhrter Betrieb.“ Deshalb seien Partnerschaften als Chance zu sehen.

„Gemeinsam können Unternehmen gestĂ€rkt, weiterentwickelt und Herausforderungen effizienter gemeistert werden“, so Wildhaber. Beispiel fĂŒr eine gelungene Franchise-Kooperation sind das internationale Immobilienunternehmen Remax sowie Home Instead Seniorenbetreuung, der weltweit fĂŒhrende Anbieter nicht-medizinischer Seniorenbetreuung und -begleitung. Thomas WegmĂŒller, Leiter von Relax Collec-tion in Klosters ist seit 15 Jahren Franchisenehmer. Ihn hat das vorhandene nationale und internationale Netzwerk angesprochen. „Ich bin selbststĂ€ndig und doch nicht allein und kann auf clevere Arbeitstools, auf Weiterbildungen, eine bekannte Marke sowie top Technologien zurĂŒckgreifen“, betont WegmĂŒller. Dies bestĂ€tigt auch Paul Fritz, CEO von Home Instead Schweiz: „Dank dem Franchisesystem musste ich mich nicht mit EDV, Prozess und irgendwelche AblĂ€ufe herumschlagen, sondern konnte mich um Kunden und Mitarbeiter kĂŒmmern und den Fokus auf QualitĂ€t und unserer Kernkompetenz richten.“

Wertschöpfung durch Nachfolge

Aber auch eine eigene Geschichte kann Ressource fĂŒr Wertschöpfung sein. Hutter Dynamics, eines der fĂŒhrenden AutohĂ€user in der Nordwestschweiz, zeigt wie ein Unternehmen ĂŒber Generationen in der Familie geblieben ist und Werte geschaffen hat, auch ethische Werte. Alt Nationalrat und Inhaber Markus Hutter entwickelte die Ideen seines Vaters weiter und aus dem GrĂŒndungsmythos sowie der starken IdentitĂ€t des Unternehmens hat er Kraft und Innovation fĂŒr die Weiterentwicklung des KMU geschaffen. „Die unternehmerische Freiheit, die heute zum Teil arg beschnitten wird, war mir immer sehr wichtig. Ebenso habe ich auch mit meinem Amt als Nationalrat Politik und Unternehmertum zusammengefĂŒhrt“, so Hutter.

Auch die BĂ€ckerei Bertschi zeigt wie durch eine gute Nachfolgelösung ein Unternehmen ĂŒber vier Generationen erfolgreich im GeschĂ€ft bleibt. Christian Hertig hat als junger Produktionsleiter die traditionsreiche ZĂŒrcher AltstadtbĂ€ckerei ĂŒbernommen und mit einem Strategiewechsel zum fĂŒhrenden Lieferanten fĂŒr Firmenkunden aus der Metropolregion ZĂŒrich gefĂŒhrt. Im Gegensatz zur allgemein rĂŒcklĂ€ufigen Entwicklung in der Branche hat die BĂ€ckerei Bertschi mutig auf Expansion gesetzt. Hertig ist ein Macher: Deshalb auch sein Rat, der sich in allen Hochs und Tiefs bis jetzt bewĂ€hrt hat: „Wir sollten weniger zögen, von unseren Ideen ĂŒberzeugt sein und sie schnell umsetzen. Es ist entscheidend, beharrlich seinen Weg zu gehen und das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren.“


Freitag, 12. Januar 2018

Auf Augenhöhe ausbilden

Ein wichtiger Aspekt im Rahmen des Tagungstitels „Wert der KMU“ ist die Berufsbildung. Sie stand am Freitagmorgen der 69. Winterkonferenz im Mittelpunkt. FĂŒr einmal kamen die Direktbetroffenen an der Basis – SchĂŒler und Lernende – zu Wort. Alan Cantekin und Dominic BĂŒhler, beides SchĂŒler der 3. Sekundarschule in Mettmenstetten (ZH), erzĂ€hlten von ihrer Entscheidung nach der Schule den gymnasialen oder den beruflichen Weg einzuschlagen. FĂŒr beide war es keine einfache Entscheidung, sind sie doch sehr gute SchĂŒler und haben sie doch die ÜbergangsprĂŒfung ins Gymnasium absolviert respektive bestanden. Beide haben sie sich fĂŒr eine Berufslehre als Informatiker entschieden, die sie im Sommer bei Roche respektive der ZĂŒrcher Kantonalbank beginnen werden. „FĂŒr mich ist die Praxis im Alltag sehr wichtig ebenso wie das Verdienen des ersten eigenen Geldes“, begrĂŒndete Cantekin seine Entscheidung. Das viele Lernen hĂ€tte ihn auch etwas abgeschreckt: „Ich möchte lieber meinen Freundeskreis ausgiebig pflegen. Ich kann spĂ€ter nach der Lehre immer noch via Passerelle an die Uni gehen“, so Cantekin.

HauptgrĂŒnde, eine Berufslehre als Informatiker zu beginnen, sind fĂŒr BĂŒhler seinen jetzigen Kollegenkreis und die coolen Lehrer an der Sekundarschule beizubehalten sowie die Freude am Computer. Bereits eine Berufslehre hinter sich haben Stefan Lutzi aus Chur sowie Samuel Disch aus Rabius. Beide BĂŒndner absolvieren zurzeit eine Zweitausbildung als Spengler EFZ respektive Forstwart EFZ. Lutzi stellte am Ende seiner ersten Lehre als Elektroniker fest, dass er zu wenig handwerklich gefordert wurde und gerne in die Fussstapfen seines Grossvaters treten möchte. „Bei meinem ersten Betrieb war das Arbeitsklima und der Umgang untereinander belastend. Es war die richtige Entscheidung zu wechseln. Ich habe innerhalb wenigen Monaten meine zweite Lehrstelle gefunden und dabei einen wirklich guten Betrieb erwischt“, so Lutzi.

Bildungssystem hegen und pflegen

Disch hingegen hat nach seiner Malerlehre zweieinhalb Jahre eine Lehrstelle als Forstwart gesucht. „Ich musste hartnĂ€ckig am Ball bleiben, um eine der raren Lehrstellen zu erwischen, aber es hat sich gelohnt.“ Weniger im Vordergrund steht bei der Berufswahl fĂŒr die jungen Leute das Geld. Andere Aspekte wie Arbeitsklima, Freude am Berufe, gute Kollegen werden mehr gewichtet. Dies bestĂ€tigte auch Simon Hugi. Er hat sich als LandschaftsgĂ€rtner ausbilden lassen und ist als ehemaliger Teilnehmer der WorldSkills in die Ausbildung von jungen Leuten reingerutscht. „Die Leute sind bei uns nahe am Markt, kennen die BedĂŒrfnisse der Kunden, sind sehr flexibel und können auf allfĂ€llige Änderungen rasch reagieren“, skizzierte er die StĂ€rken des dualen Bildungssystems. FĂŒr die Betriebe rechne es sich immer, Lernende auszubilden, denn somit werde qualifizierter Berufsnachwuchs gesichert. "Wir brauchen gute Berufsleute, die mit viel Herzblut ausgebildet werden“ appellierte er an Betriebe und BerufsverbĂ€nde. Und sein Wunsch an die Politiker ist indessen, „dass sie unser duales Bildungssystem weiterhin hegen und pflegen und dahinterstehen.“

OdA werden benachteiligt

FĂŒr die Ausbildungsinhalte verantwortlich sind die BranchenverbĂ€nde. Auch diese haben ihre Forderungen an die Politik. Die Ausbildung in den Betrieben, in den ĂŒberbetrieblichen Kursen ÜK sowie in den Berufsschulen wĂŒrden gerade hinsichtlich der Digitalisierung immer anspruchsvoller und auch wesentlich teurer, gibt Roland Goethe, PrĂ€sident SWISSMECHANIK zu bedenken. „Die Ausbildner dĂŒrfen hier nicht die alleinigen KostentrĂ€ger sein, wir erwarten, dass sie vom Bund und Kanton unterstĂŒtzt werden.“ Er sprach auch die Gleichwertigkeit zwischen akademischem und beruflichem Weg an. „Es ist fĂŒr die Nachwuchswerbung zentral, dass hier die beiden Ausbildungsmöglichkeiten nicht gegeneinander ausgespielt werden.“ Problematisch fĂŒr den Schweizerischen Fachverband fĂŒr Kosmetik SFK ist, dass der nicht geschĂŒtzte Beruf der Kosmetikern mit sinnverwandten Berufen, die ĂŒber keine Grundbildung verfĂŒgen, in eine TrĂ€gerschaft gedrĂ€ngt werden.“Hier mĂŒssen die VerbĂ€nde auch mitreden dĂŒrfen“, fordert SFK-PrĂ€sidentin Caroline Kiener vom Bund.

Wie wichtig die Verbundpartnerschaft in der Berufsbildung ist und dass eine allfĂ€llige Tendenz zur Verstaatlichung vermieden werden muss, wurde im anschliessenden Podium diskutiert. BezĂŒglich Verbundpartnerschaft hĂ€tte man in der Praxis gerade bei der Finanzierung oft den Eindruck, wer zahlt befiehlt“, so sgv-Direktor und Nationalrat (FDP/ZH) Hans-Ulrich Bigler an die Adresse von Bund und Kantonen. „Die Organisationen der Arbeitswelt OdA werden nicht auf Augenhöhe wahrgenommen.“ Darauf entgegnete Josef Widmer, stellvertretender Direktor des Staatssekretariats fĂŒr Bildung, Forschung und Innovation SBFI, unser duales System sei sehr arbeitsmarktorientiert. „Bei uns sagt die Wirtschaft, was sie braucht.“ In gewissen Teilbereichen gehe die Harmonisierung etwas zu weit, gibt StĂ€nderat Stefan Engler (CVP/GR) zu bedenken. „Das Tempo von Staat und Wirtschaft sind halt nicht immer aufeinander abgestimmt.“ Nationalrat Adrian Amsturz (SVP/BE) kam auf die Akademisierung der Berufe zu sprechen und forderte eine anforderungsgerechtere Ausbildung: „Wir haben zu viele Theoretiker und zu wenig Praktiker“, so der PrĂ€sident des Schweizer Nutzfahrzeugverbandes ASTAG. Hier seien ganz klar die BerufsverbĂ€nde und Unternehmen gefordert, sich einzubringen, konterte Theo Ninck, PrĂ€sident der Schweizerischen BerufsbildungsĂ€mter-Konferenz SBBK.

FĂŒnf Faktoren bestimmen unser GlĂŒck

Der krönende Abschluss der 69. Gewerblichen Winterkonferenz am Freitagnachmittag war der Vortrag von Bruno S. Frey, stĂ€ndiger Gastprofessor an der UniversitĂ€t Basel. „Wie also können wir glĂŒcklich bleiben?“, fragt Frey. GlĂŒck erkĂ€mpfen, bedeutet, die GlĂŒcksfaktoren zu fördern. Freys Formel besteht aus fĂŒnf Faktoren: ZunĂ€chst beeinflussen uns die individuellen Eigenschaften. Wer keinerlei Veranlagungen zu Depressionen aufweist, der dĂŒrfte die grösseren Chancen aufs GlĂŒcklichsein haben. Ein zweiter Faktor ist die Sozialdemographie, also Merkmale wie Geschlecht, Alter und Ausbildung. Förderlich fĂŒr unser GlĂŒck ist auch die Wirtschaftslage. Ein guter Arbeitsmarkt und geringe Inflation halten uns bei Laune. Des Weiteren beeinflussen unsere individuellen LebensumstĂ€nde sowie die institutionellen Rahmenbedingungen etwa das politische System unser GlĂŒcksempfinden.

Geld allein macht nicht glĂŒcklich

In seinem Vortrag zu Ökonomie des GlĂŒcks widmete sich der Forschungsdirektor des Center for Research in Economics, Management an the Arts CREMA in ZĂŒrich auch den Determinanten verschiedener Indikatoren des Lebenszufriedenheit. FĂŒr Volkswirte ist dabei die Frage nach einem Zusammenhang zwischen Einkommen und GlĂŒck besonders ausschlaggebend. Frey zu Folge sind Menschen mit hohen Einkommen glĂŒcklicher als Menschen mit niedrigem Einkommen. Auch zeigt sich, dass die Lebenszufriedenheit in LĂ€ndern mit vergleichsweise hohen Pro-Kopf-Einkommen besonders hoch ist. Allerdings nimmt der Zugewinn an GlĂŒck mit steigendem Einkommen ab. Ausserdem gewöhnen sich Menschen schnell an EinkommenszuwĂ€chse, so dass der positive Zufriedenheitseffekt nicht von langer Dauer ist. Gar keine positive Wirkungen hinsichtlich des Wohlbefindens gehen mit Einkommenssteigerungen einher, wenn Statuseffekte ausbleiben, weil beispielsweise Kollegen oder Nachbarn eine Ă€hnliche oder sogar höhere Einkommenssteigerung realisieren. Dies alles fĂŒhrt Frey zu einem weiteren Punkt: Geld allein macht nicht glĂŒcklich. Einfluss und zum Teil massgeblicher als Einkommen und Vermögen sind die Auswirkungen von Alter, Familie Ausbildung und BestĂ€tigungsstatus auf die Lebenszufriedenheit.

Demokratie und Föderalismus

Bei den Faktoren Wirtschaftslage und institutionelle Rahmenbedingungen sieht der Volkswirtschaftler in der Schweiz noch deutliches Steigerungspotenzial. „Wir mĂŒssen uns darum kĂŒmmern, dass unser Pro-Kopf-Einkommen wĂ€chst.“ Das heisst zuerst: „Wir mĂŒssen in die Ausbildung investieren, wollen wir wettbewerbsfĂ€hig bleiben.“ Seines Erachtens sollen nicht nur die Ausbildungen kreativ sein, sondern auch die Arbeitsstellen: „Wir mĂŒssen die QualitĂ€t von ArbeitsplĂ€tzen weiterentwickeln. Wir sollten mehr Selbstbestimmung und produktive Entfaltungsmöglichkeiten schaffen, auch bei tiefer qualifizierten Stellen“, ist Frey ĂŒberzeugt. Innovationen fordert Frey auch fĂŒr das politische System der Schweiz. Fundament fĂŒr die landesweite GlĂŒckseligkeit seien die direkte Demokratie und der Föderalismus. Denn politische Mitbestimmung fördert gemĂ€ss seinen Untersuchungen das glĂŒcksempfunden. „Wir mĂŒssen diese StĂ€rke weiterentwickeln und die BĂŒrger vermehrt an den politischen Prozessen beteiligen“, findet der GlĂŒcksexperte.

GemĂŒtlichkeit und Networking

Mit einer Fahrt in der Gondel auf die Madrisa, den Hausberg von Klosters, klang der Abend aus. Dabei konnten nebst der GemĂŒtlichkeit auch das Netzwerk der KMU- Wirtschaft ausgiebig gepflegt werden.


Referate / Präsentationen

Mittwoch, 10. Januar 2018

  • BĂŒrokratieabbau und Begrenzung von Folgekosten - Dr. Johannes Ludewig, PrĂ€sident des deutschen Normen-Kontrollrates (Powerpoint / PDF)

Donnerstag, 11. Januar 2018

  • Wertschöpfung durch Partnerschaften: Vom traditionellen Produktevertrieb zur modernen GeschĂ€ftskonzept-Lizenzierung - Dr. Christoph Wildhaber, GeschĂ€ftsfĂŒhrer des Schweizer Franchise Verbands (Powerpoint / PDF)
  • Gemeinsam sind wir stark: Wertschöpfung durch Kooperation - Paul Fritz, CEO Home Instead Schweiz AG (Powerpoint / PDF)

Freitag, 12. Januar 2018

  • GlĂŒck schafft Werte - Werte schaffen GlĂŒck - Bruno S. Frey, Professor UniversitĂ€t Basel, GlĂŒcksforscher (Powerpoint / PDF)

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