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Die Probleme der beruflichen Vorsorge lassen sich nicht übers Knie brechen

17. April 2009

Zweite Säule in argen Nöten

Die Finanzmarktkrise hat auch der beruflichen Vorsorge arg zugesetzt. Obwohl sich mehr als die Hälfte aller Vorsorgewerke in einer Unterdeckung befindet, gilt es ruhig Blut zu bewahren und ja nicht in einen blinden Aktivismus zu verfallen.

Aufgrund der Finanzmarktkrise haben die Schweizer Pensionskassen im Jahr 2008 die mit Abstand schlechtesten Anlageergebnisse seit Inkrafttreten des BVG im Jahre 1985 erzielt. Der Pictet-BVG-Index 2005 weist fürs 2008 bei einem Aktienanteil von 25 Prozent eine Negativ-Performance von -11,5Prozent aus, bei einem Aktienanteil von 40 Prozent sogar eine solche von -20,6 Prozent. Zieht man in Betracht, dass die Pensionskassen zur Aufrechterhaltung ihres finanziellen Gleichgewichts in der Regel eine Rendite von 3,5 bis 4 Prozent erzielen müssen, ist davon auszugehen, dass sich die Deckungsgrade der meisten Kassen im vergangenen Jahr um 15 bis 20 Prozent verringert haben. Eine Kehrtwende ist noch nicht in Sicht, sind doch im ersten Quartal 2009 weitere Einbussen hinzugekommen. Belief sich das Ende 2007 von den Pensionskassen verwaltete Vermögen noch auf 600 Milliarden Franken, muss befürchtet werden, dass die letzten 15 Monate Verluste an Wertschwankungsreserven und Vorsorgegeldern von bis zu 100 Milliarden mit sich brachten.

Kassen in Unterdeckung
Beim Bund geht man davon aus, dass der durchschnittliche Deckungsgrad der privatrechtlichen Pensionskassen per Ende 2008 auf rund 100Prozent gefallen ist und dass sich etwa die Hälfte aller Kassen in einer Unterdeckung befindet. Swisscanto kommt zu noch dramatischeren Ergebnissen. Gemäss ihrem Pensionskassenmonitor, der sich auf die Daten von 153 Vorsorgeeinrichtungen abstützt, belief sich der durchschnittliche Deckungsgrad per Ende 2008 bloss noch auf 96,6 Prozent. 54 Prozent der erfassten Kassen befanden sich in einer leichten Unterdeckung (Deckungsgrad zwischen 90 und 100 Prozent), 18 Prozent wiesen eine erhebliche Unterdeckung auf (Deckungsgrad unter 90Prozent). Kaum ein Stiftungsrat wird darum herumkommen, sich Gedanken über Sanierungsmassnahmen zu machen.

Panik fehl am Platz
Obwohl die aktuelle Situation der zweiten Säule als ernst einzustufen ist, wäre Panik fehl am Platz. Die berufliche Vorsorge ist ein auf einen sehr langen Zeithorizont ausgerichtetes Geschäft. Die Ansparphase erstreckt sich in der Regel über 40 Jahre, das Alterskapital wird danach in einem Zeitraum von rund 20 Jahren aufgezehrt. Angesichts dieser langfristigen Ausgestaltung der beruflichen Vorsorge darf der Einfluss eines einzigen schlechten Anlagejahres nicht überbewertet werden. Die im 2008 erlittenen Verluste können in den meisten Fällen entweder durch Reserven aus den Vorjahren oder durch Überschüsse in den Folgejahren aufgefangen werden. Aus Sicht des Schweizerischen Gewerbeverbandes sgv ist es deshalb wichtig, dass alle Beteiligten (Versicherte, Pensionskassenverwalter, Stiftungsräte, Aufsichtsbehörden, Gesetzgeber etc.) ruhig Blut bewahren und besonnen reagieren.

Sanften Weg erlauben
Der sgv erwartet von den Aufsichtsbehörden, dass sie strukturell gesunde Pensionskassen (Kassen mit einem eher tiefen Rentneranteil, die Ende 2007 einen Deckungsgrad von über hundert Prozent auswiesen) nicht unnötig unter Druck setzen und diesen ausreichend Zeit einräumen, um auf sanftem Weg aus der Unterdeckung zu gelangen. Das Einfordern von Beitragserhöhungen ist nur dann angebracht, wenn sich eine Pensionskasse bereits vor Ende 2007 in einer schwierigen Ausgangslage befand (Unterdeckung bei ungünstiger Altersstruktur) oder wenn die nächsten Jahre ergeben sollten, dass sich die Unterdeckung mit Ertragsüberschüssen nicht beseitigen lässt.

Für Kassen, die im Verlauf des vergangenen Jahres in eine Unterdeckung geraten sind, empfiehlt sich in erster Priorität eine Überprüfung und – sofern erforderlich – eine Anpassung ihrer Anlagestrategie. Zeigt die Analyse der Anlagestrategie auf, dass sich die Deckungslücke unter realistischen Annahmen (gemäss Renditeerwartungen der Experten) in einem Zeitraum von fünf bis sieben Jahren aus Ertragsüberschüssen beseitigen lässt, sind nach Ansicht des sgv keine weiteren Massnahmen einzuleiten. Besteht zusätzlicher Handlungsbedarf, gilt es abzuklären, ob allenfalls Leistungen gestrichen werden können, auf die kein reglementarischer Anspruch besteht. Des Weiteren ist eine Minderverzinsung des überobligatorischen Alterskapitals ins Auge zu fassen. Erst wenn sich all diese Massnahmen als unzureichend erweisen, sollten Sanierungsbeiträge der Arbeitgeber und Arbeitnehmer in Erwägung gezogen werden.

Umwandlungssatz senken
Wichtiger als Sanierungsmassnahmen bei den einzelnen Pensionskassen ist eine längst fällige Korrektur auf Ebene Gesetz. Angesichts der schlechten Anlageergebnisse der letzten zwei Jahre lässt sich der im geltenden Recht festgehaltene Mindestumwandlungssatz von 6,8 Prozent nicht mehr rechtfertigen. Der sgv hat sich deshalb in den Diskussionen um die Höhe des Mindestumwandlungssatzes dezidiert für eine Senkung auf 6,4 Prozent ausgesprochen. Er erwartet, dass sich in der anstehenden Referendumsabstimmung all jene Kreise für einen Satz von 6,4 Prozent engagieren werden, denen solide, finanziell gesunde Vorsorgeeinrichtungen wichtig sind.

Kurt Gfeller, sgv-Vizedirektor

 

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