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News aus Klosters
Mittwoch, 12. Januar 2011
„Wählt mehr KMU-Vertreter“
Heute beginnt in Klosters die 62. Gewerbliche Winterkonferenz des Schweizerischen Gewerbeverbands sgv. Während dreier Tage treffen sich Exponenten der Schweizer KMU-Wirtschaft und der Politik, um unter dem Motto „KMU im Zeichen von Politik und Wahlen 2011“ die Weichen fürs Wahljahr zu stellen.
Erfolge der neuen Strategie
In seinem ersten Präsidialreferat berief sich der seit gut sieben Monaten amtierende Gewerbeverbands-präsident Nationalrat Bruno Zuppiger auf die Strategie des sgv. Der Verband sei auf Kurs, so Zuppiger, die Strategie werde Schritt für Schritt umgesetzt und erste messbare Erfolge seien bereits ersichtlich. Die Berufsbildungspolitik bezeichnete Zuppiger als eines der wichtigsten Themen des Verbands. Einer Akademisierung der Berufslehre erteilte der sgv-Präsident eine klare Absage: „Nicht ein Heer von selbst ernannten Berufsbildungsexperten brauchen wir, sondern die Berufslehre muss wieder näher zur Wirtschaft herangeführt werden.“ Zudem forderte Zuppiger, dass die seit 2006 in der Verfassung verankerte Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung nun endlich realisiert werde.
Nationalrat Zuppiger hält zur Kontroverse um eine angebliche „Politisierung“ seine Amtes klipp und klar fest: „Der sgv-Präsident war seit jeher ein eidgenössischer Parlamentarier.“ Seine Vorgänger, zwei Vertreter der FDP und einer von der CVP, seien – wie er selber von einer Partei – portiert worden. Dass er nun die unter seinem FDP-Vorgänger erarbeitete sgv-Strategie mit „ungeschminkten, in der Öffentlichkeit erhobenen Forderungen“ umsetze, sei „nicht SVP-, sondern gewerbefreundlich“.
Dateien
- Gewerbliche Standortbestimmung von Nationalrat Bruno Zuppiger, Präsident sgv (PDF-Datei)
- Strategie und politische Zielsetzungen sgv 2010 bis 2014 (PDF-Datei)
Donnerstag, 13. Januar 2011
„Der sgv ist Anwalt des Mittelstands“
Die 62. Gewerbliche Winterkonferenz ist zugleich der Auftakt ins Wahljahr 2011. Der sgv liess zu diesem Zweck ein Rating erstellen, um aufzuzeigen, wie der Nationalrat in der laufenden Legislatur mit KMU-Themen umgegangen ist. Das gleichentags in der NZZ veröffentliche KMU-Verhalten der Parteien und ihrer Exponenten gab denn auch in Klosters Anlass zu Diskussionen. Der Autor des Ratings, der Zürcher Sozialgeograf Michael Hermann, erläuterte, welche Geschäfte – von der AHV-Revision bis zu den Kinderzulagen – und welche Themen (Wirtschaft, Sozialwerke, Finanzen, Energie usw.) in die Ausmarchung eingeflossen sind. Das Resultat: am meisten Unterstützung erhält der Schweizerische Gewerbeverband sgv vom rechten Flügel der FDP und vom pragmatisch-wirtschaftsnahen Teil der SVP. Ein Vergleich mit dem ebenfalls von Hermann regelmässig erhobenen Rating nach dem Links-Rechts-Schema ergibt laut dem Politgeografen denn auch: “Der sgv liegt keineswegs, wie gelegentlich behauptet, auf SVP-Linie.”
„Gewerbeverträglichkeit“ prüfen
Kommunikationsberater Iwan Rickenbacher ging der Frage nach, wie Gewerbe und Parteien gemeinsam für die anstehenden Wahlen mobilisieren können. „Die Landwirte beweisen, dass es möglich ist, den eigenen Stand an die Urne zu bringen“, stellte der frühere CVP-Generalsekretät fest. Der erfahrene Politbeobachter sagte, der sgv könne mit Sachkenntnis und der Themenführerschaft in KMU-relevanten Fragen durchaus dafür sorgen, dass vermehrt Unternehmenspersönlichkeiten den Sprung ins Parlament schafften. Der Gewerbeverband sei, gemessen an den klassischen Verbandskriterien, „mächtig“. Er bündele die Interessen seiner Mitglieder und habe einen direkten Zugang zu Politik und Medien. Allerdings nehme die parteipolitische Homogenität seiner Mitglieder weiter ab. Der Gewebeverband müsse daher die volkswirtschaftliche Bedeutung der KMU noch stärker ins öffentliche Bewusstsein rücken und entsprechende Informationsgrundlagen für die Kandidierenden bereitstellen. Die Nutzung nationaler und regionaler Gewerbeanlässe sei zum Erreichen des Ziels – mehr Unternehmer im Parlament - ebenso bedeutsam wie etwa eine „Gewerbeverträglichkeitsprüfung“ von Parteiprogrammen und der Kandidierenden selber.
Der sgv habe, so Rickenbacher weiter, „eine grosse Chance, sich als Anwalt des Mittelstandes zu profilieren“, also der Bevölkerungsgruppe ab 45 Jahren mit mittlerem Einkommen und guter Ausbildung. Der Kommunikationsberater empfahl, dass sich der sgv - wie auch die kantonalen und regionalen Gewerbeverbände auf Kandidaten - nicht auf Parteien fokussieren sollten, sondern auf Persönlichkeiten. Dies unter anderem, indem sie den Kandidierenden Auftrittsmöglichkeiten an Gewerbeanlässen verschafften. Überdies empfahl Rickenbacher dringend „saubere, transparente Kriterien bei der Parteienfinanzierung“. Das Thema werde sowohl im wie auch nach dem Wahlkampf auf grosses Interesse stossen.
Podiumsdiskussion Wahlen 2011
Charles Liebherr, Wirtschaftsredaktor von Radio DRS, moderierte die anschliessende Diskussion zum Umsetzung des Gehörten in die Praxis. Teilnehmer waren sgv-Präsident Bruno Zuppiger, sgv-Vizepräsidentin Kathrin Anderegg in ihrer Funktion als Präsidenten der Berner KMU sowie Hans M. Richle (Präsident KGV St. Gallen) und Silvan Hotz (Präsident KGV Zug). Ein KMU-Rating sei als „Arbeitsinstrument“ durchaus tauglich, sagte Anderegg, weshalb man dieses Mittel im Kanton Bern schon früher eingesetzt habe. Dann aber müssten die Gewerbeverbände KMU-freundliche Kandidierende auch tatsächlich besser präsentieren und „verkaufen“.
Ein Rating helfe bei der Auswahl, wen die KGV unterstützen sollten, hielt Hotz fest und sagte: „Vor den Wahlen sind sie alle gewerbefreundlich. Das Rating kann aufzeigen, was nach den Wahlen dann auch tatsächlich umgesetzt wird.“ Mit Blick auf den Kanton Zug meinte Hotz: „Der KGV unterstützt den sgv in seinem Kampf gegen ungerechtfertigte Billag-Gebühren. Wenn uns dann unser ‚eigener‘ Ständerat in dieser Frage im Stich lässt, so ist dies eben wirklich nicht im Interesse der KMU…“ Richle hiess das Rating als „Hilfsmittel für die Wählerschaft“ willkommen, bemängelte aber auch, dass es „die wichtige Arbeit hinter den Kulissen“, in den Kommissionen also, nicht abbilde.
Die Kandidierenden sollten die Grundwerte des sgv teilen, forderte Zuppiger; das Rating sei dafür nur eines von verschiedenen Messinstrumenten. Die vom Gewerbe zu unterstützenden Kandidaten müssten zwingend auf die vorderen Listenplätze gesetzt werden, um bei den Wahlen im Oktober eine Chance zu haben. „Und es ist klar: Diese Arbeit muss jetzt getan werden – im Frühling ist es dafür zu spät.“
«Staatsquote von 15 bis 18 Prozent ist optimal»
Pierre Bessard, Direktor Liberales Institut Zürich, und sgV-Direktor Hans-Ulrich Bigler zeigten am Donnerstagnachmittag an der 62. Gewerblichen Winterkonferenz in Klosters auf, wie wichtig eine Beschränkung der Staatsausgaben auf das Notwendige wäre. Vertreter von SVP, FDP und CVP versprachen in einer hitzigen Podiumsdiskussion, für einen Bürokratieabbau einzutreten.
Pierre Bessard, Direktor des in Zürich ansässigen Liberalen Instituts, zeigte am Donnerstagnachmittag in seiner Referat «Liberale Ordnungspolitik oder staatliche Knechtschaft?» auf, wie schädlich eine zu hohe Staatsquote ist. «Je höher die Staatquote ist, desto geringer ist der Wohlstand eines Landes», erklärte Besshard. Er stützte sich dabei auf empirische Erhebungen. Ein Anstieg der Staatsquote um 10 Prozent habe einen Rückgang des Wohlstands um 1 Prozent zur Folge. Staatliches Eingreifen sei immer teuer, da durch Steuern und Gebühren dem Wirtschaftskreislauf Ressourcen entzogen würden. Ein Rückzug des Staates aus gewissen Bereichen sei nicht automatisch mit einem Angebotsverlust gleichzusetzen, da Private besser, zielgerichteter und günstiger als der Staat produzieren könnten. «Ein starker Staat verhindert vielfach private Angebote», so Besshard. Als Beispiel nannte er den Schweizer Medienmarkt, in dem 7 TV- und 16 Radioprogramme der SRG zwangsfinanziert würden.
Pierre Besshard betonte, dass die liberale Denkschule keineswegs eine Staatsquote von 0 Prozent anstrebt. «In einer westlichen Gesellschaft wäre eine Staatsquote von 15 bis 18 Prozent optimal», so der Direktor des Liberalen Instituts. Die Staatsquote liegt in der Schweiz derzeit bei 29 Prozent, wobei allerdings die Krankenkassengebühren, die Billag-Abgaben oder die Einzahlungen für die zweite Säule nicht einberechnet sind.
sgv will flexible Sozialversicherungen
sgV-Direktor Hans-Ulrich Bigler zeigte im nachfolgenden Referat auf, wie gross das Einsparungspotenzial bei den Schweizer Staatsausgaben ist. Insbesondere hob er die überaus hohen Regulierungskosten hervor, die mittlerweile 50 Milliarden Franken betragen – was zehn Prozent des Bruttoinlandprodukts entspricht. «Eine Senkung der Regulierungskosten ist eine effektive Wachstumspolitik, die unserem Lande zu Gute kommt», erklärte Bigler. Er appellierte an die zahlreichen anwesenden Gewerbepolitiker, nicht nur das Anliegen, sprich die «Bürokratie-Stopp»-Initiative an sich zu unterstützen, sondern dereinst in den eidgenössischen Räten entsprechende Gesetzesänderungen zum Regulierungsabbau zu bejahen. Er rief in Erinnerung, wie Mitte-Politiker kürzlich der neuen Mediensteuer für KMU zugestimmt haben, während sich die «Partei der aufgehenden Sonne» im Ständerat für die Mehrwertabschöpfung stark gemacht hat.
Bigler betonte auch, dass die Leistungen bei den Sozialwerken neu so festzulegen seien, dass man sie sich mit den vorhandenen Mitteln finanzieren könne. Einer der konkreten Vorschläge des Gewerbeverbands betreffe die AHV. «Gemäss unserem Modell würde das Rentenmodell Jahr für Jahr immer genau so stark angehoben, dass der AHV eine ausreichend grosse Sicherheitsmarge, die wir bei 70 bis 80 Prozent der Jahresausgabe sehen, verbleibt», führte er anschaulich aus. Die geforderte Schuldenbremse bei der sozialen Umverteilung sei um so wichtiger, da alle derzeit im Raum stehenden Leistungsausbau-Forderungen zusätzliche Mittel in der Grössenordnung von rund sechs Mehrwertsteuerprozenten zur Folge hätten. «Diese zusätzliche Belastung können wir unseren KMU gerade in der heutigen Zeit des starken Frankens nicht zumuten», so der Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbands.
«Bürokratie-Stopp» findet Anklang
In der anschliessenden Podiumsdiskussion machten sich die Nationalratsmitglieder Caspar Baader (BL), Fraktionspräsident SVP, Peter Malama (BS), Geschäftsführer Gewerbeverband Basel-Stadt, und Ida Glanzmann, Vizepräsidentin CVP Schweiz, allesamt für eine KMU-freundlichere Politik stark. Wie bereits dank sgv-Ranking enthüllt hatte, zeigten jedoch auch ihre Voten, wie unterschiedlich die Bedürfnisse der KMU eingeschätzt werden. Während Caspar Baader das Hauptübel in der Personenfreizügigkeit sah, welche für die Bewohner unseres Landes eine starke Konkurrenzsituation auf dem Arbeitsmarkt zur Folge habe, und entsprechende Steuerungsmechanismen forderte, machte sich Peter Malama im Namen der Nordwestschweizer Unternehmen für den fortlaufenden Zuzug qualifizierter ausländischer Fachkräfte stark. Ida Glanzmann strich derweil heraus, dass die CVP insbesondere die Familien-KMU fördern möchte. Als mögliches Erfolgsrezept nannte sie familienfreundliche Arbeitszeitmodelle.
In einem Punkt waren sich SVP, FDP und CVP – die SP war der Einladung des Gewerbeverbandes nicht gefolgt – aber einig: Obwohl sich insbesondere Caspar Baader und Peter Malama ein hitziges Rededuell lieferten, welche ihrer Parteien die Anliegen der KMU vehementer vertrete, wollen sich die drei Parteien allesamt für einen Abbau der Regulierungskosten stark machen. Baader und Glanzmann sprachen denn auch wohlwollende Worte für die «Bürokratie-Stopp»-Initiative der FDP aus.
Abendprogramm Madrisa
Bei einem feinen Bündner Büffet auf der Madrisa konnten sich die Konferenzteilnehmerinnen und -teilnehmer am Abend über das zuvor Erfahrene austauschen und den geselligen Teil pflegen.
Dateien
- Dr. Iwan Rickenbacher: Präsentation "Start ins Wahljahr 2011 - Wie mobilisieren Parteien und Gewerbe gemeinsam? (PPT-Datei / PDF-Datei
- Dr. Michael Hermann, Politgeograph Universität Zürich: Präsentation der Studie "KMU-Verhalten der Parteien" (PDF-Datei)
- KMU-Rating Dr. Michael Hermann - Tabelle aller Nationalräte (PDF-Datei)
- Pierre Bessard, Direktor Liberales Institut Zürich: "Liberale Ordnungspolitik oder staatliche Knechtschaft?" (PDF-Datei)
- Hans-Ulrich Bigler, Direktor sgv: Präsentation "Politische Forderungen der KMU aus Sicht des sgv" (PPT-Datei / PDF-Datei)
Freitag, 14. Januar 2011
Den Berufsbildungsvorsprung nicht verspielen
OECD-Bildungsexpertin Kathrin Hoeckel lobte am Freitagvormittag an der 62. Gewerblichen Winterkonferenz in Klosters das «Vorzeigemodell Duale Berufsbildung Schweiz». In zwei Referaten von Christine Davatz, Vizedirektorin und Bildungsverantwortliche sgv, und Walter Ch. Zimmerli, Mitverfasser des Weissbuchs «Zukunft Bildung Schweiz», wurde aber offensichtlich, dass die höhere Berufsbildung zuletzt zu wenig Unterstützung genoss. Dem stimmten auch die Teilnehmer einer angeregten Podiumsdiskussion zu.
In der Berufsbildung ist die Schweiz weltweit Spitze! Ein schönes Lob. Besonders wenn es von einer in Paris tätigen deutschen Akademikerin stammt. Die OECD-Bildungsexpertin Kathrin Hoeckel muss es wissen. Ihre Organisation hat seit 2007 17 umfassende Länderreporte über Berufsbildungssysteme in der ganzen Welt verfasst. Ob die Expertenberichte nun die Berufsbildung in den Westeuropa, Australien, zwei US-Staaten oder gar Südkorea bewerten, in jeder einzelnen Schrift ist die Schweiz mehrmals positiv erwähnt. So konnte sie den Bildungsschwerpunkt in Klosters mit einem überaus positiven Referat lancieren, dass den gern gesehenen Titel «Vorzeigemodell Duale Berufsbildung Schweiz» trug. «Die Stärken des Schweizer Systems liegen darin, dass alle Beteiligten spezifisch für ihre Aufgabe ausgebildet worden sind. Berufsschullehrer ebenso wie Lehrmeister oder die Planer in der Verwaltung», führte sie aus.
Besonders wichtig sei die Zusammenarbeit zwischen den Sozialpartnern, die sich gemeinsam für Fortschritte im Bildungsbereich engagierten. Dies sei heute noch in vielen Ländern undenkbar. Weitere Erfolgsfaktoren seien das integrierte duale System, die Flexibilität aller Beteiligten, die zur Verfügung stehenden Ressourcen, die fortlaufende Qualitätssicherung, die Karriereberatung, das Case Management, die Unterstützung der Lernenden, Investitionen in die Forschung sowie die Mobilität.
Allerdings sagte Hoeckel auch, dass sich die Schweiz darum bemühen müsse, die Stärken im Berufsbildungssystem aufrechtzuerhalten und gar zu erweitern. «Die Chancengleichheit muss verbessert werden, in dem man Bildungsabbrecher besser unterstützt, die Qualifikation und Erwerbstätigkeit der Frauen fördert und die Finanzierung von tertiärer Berufsbildung und universitärer Bildung vereinheitlicht», so die OECD-Bildungsexpertin.
Höhere Fachprüfungen fördern
Christine Davatz, Vizedirektorin und Bildungsverantwortliche sgv, zeigte auf, dass der Gewerbeverband mit viel Engagement dafür kämpft, dass angehende Berufsfachleute nicht länger ein Vielfaches für ihre Ausbildung bezahlen müssen als Akademiker. «Der sgv-Berufsbildungsbericht 2010 stellt die Höhere Berufsbildung in den Mittelpunkt», erklärte Davatz. Der Gewerbeverband fordere eine bessere Finanzierung der Vorbereitungskurse auf Berufs- und Höhere Fachprüfungen. «Der sgv verlangt 500 Millionen Franken pro Jahr mehr von der öffentlichen Hand, damit diejenigen, die sich auf eine solche Prüfung vorbereiten, endlich etwas weniger selbst bezahlen müssen», sagte sie. So würde die Gleichwertigkeit gegenüber dem Tertiär A Bereich, also den Hochschulen, etwas näher rücken.
«400 Berufe sind zu viel»
Gespannt waren viele Kongressteilnehmer auf den Auftritt von Walther Ch. Zimmerli, dem Präsidenten der Brandburgischen Technischen Universität, besser bekannt als Mitverfasser des Weissbuchs «Zukunft Bildung Schweiz». Er stellte klar, dass er das duale System nie an sich als «Auslaufmodell» bezeichnet habe. Zugleich mahnte er jedoch die Anwesenden: «Das duale System ist ein Auslaufmodell, wenn wir es nicht verändern.» 2009 hätten 5000 Lehrstellen, die den höheren Berufsanforderungen entsprechen, nicht besetzt werden können. 2010 seien es gar bereits 7000 gewesen. Die Zusammenarbeit zwischen Universitäten und Fachhochschulen müsse verstärkt werden, ebenso gelte es eine enge Kooperation mit der Wirtschaft zu suchen.
Schliesslich müsse man auch bei den Berufsprofilen selber ansetzen. «Das duale Berufsbildungssystem stösst an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit. 400 Berufsbilder sind zu viel, die Zahl muss reduziert werden», erklärte er. Als Beispiel nannte er Dänemark, das noch zwischen 80 Berufen unterscheide.
Erosion bei praxisorientierer Fachausbildung
Der Bildungsschwerpunkt fand in Klosters mit einer angeregten Podiumsdiskussion seinen Abschluss. Während sich sgv-Präsident Bruno Zuppiger noch einmal dafür stark machte, die Berufsbildung künftig mit zusätzlichen 500 Millionen Franken pro Jahr zu unterstützen. «Vor 12 Jahren wurden in der Schweiz noch 850 Millionen Franken für die Fachausbildung ausgegeben. Heute sind es gerade noch 180 Millionen Franken pro Jahr», erklärte er. Dieser «schleichenden Erosion» der praxisorientierten Fachausbildung gelte es entgegenzutreten. Ansonsten verschwinde dieser für die KMU so wichtige Bildungsweg bald. Avenir Suisse-Direktor Gerhard Schwarz zeigte kein Verständnis für das Anliegen des Schweizerischen Gewerbeverbandes. «Wir dürfen bei der Berufsausbildung nicht den selben Fehler begehen, der im universitären Bereich gemacht wurde», meinte Schwarz. Der sozialistische Weg über Staatsgelder dürfe nicht begangen werden.
Bachelor-Titel für Berufsfachleute?
Der ehemalige Preisüberwacher Rudolf Strahm nahm sich eines anderen Problems an. Er erklärte zwar, dass er kein Befürworter der «Titel-Manie» sei, regte aber dennoch dazu an, die Schweizer Berufsfachleute gegenüber der stark zunehmenden ausländischen «Bachelor-Konkurrenz» aufzuwerten. «Ich bin für die Einführung des Titels <Professional Bachelor> für all diejenigen, die eine Fachprüfung absolviert haben», so Strahm. Die Idee wurde eher skeptisch beurteilt, zumal das Bildungssystem schon heute für seine Titelflut und ineffizienten Strukturen bekannt sei, wie aus mehreren Voten der Podiumsteilnehmer hervorging.
„Wohlstand bedingt auch Sicherheit“
“Sicherheit und Wohlstand hängen eng zusammen”, sagte Verteidi-gungsminister Ueli Maurer in Klosters- Der VBS-Vorsteher beehrte die 62. Gewerbliche Winterkonferenz zu deren Abschluss mit seinem Besuch. Wer zu wenig in die Sicherheit investiere, so Maurer, der verliere die Grundlagen seines Wohlstands. „Der im Verhältnis zum Euro und zum Dollar sehr starke Franken“, nahm Maurer ein topaktuelles Thema auf, „reflektiert das Vertrauen, das die Weltgemeinschaft in unsicheren Zeiten in die Stabilität und die Sicherheit der Schweiz setzt.“ Der Schutz des Eigentums – und auch dafür stehe die Armee hierzulande – sei zentral für die Sicherheit eines Landes.
Allerdings sei auch unser Land kein Hort der Sicherheit mehr. „Die Ver-letzlichkeit der modernen Gesellschaft ist enorm“, sagte Maurer am Beispiel der Stromversorgung. „Wenn diese nicht mehr gewährleistet ist, steht innert Tagen das Leben still: Lebensmittelgeschäfte, Bankomaten, Sicherheitsanlagen – sie alle brauchen Strom. Die Armee schützt notfalls die Infrastruktur im Land.“
Die Polizei wäre, sollten sich mehrere sicherheitsrelevante Ereignisse gleichzeitig ereignen, „innerhalb von 72 Stunden ausgeschossen“. Dann müsste die Armee die kantonalen Polizeicorps unterstützen, um das Funktionieren des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens si-cherzustellen. „Es wäre darum höchst fahrlässig, die Armee – und sei es auf Raten – abzuschaffen.“
Maurer appellierte an die Wirtschaft, der Milizarmee ihre Kader zeitlich beschränkt zur Verfügung zu stellen. Die Betriebe erhielten dafür auch etwas zurück: Die Sicherheit, auch in Zukunft für Wohlstand in der Schweiz sorgen zu können.
Nein zur Waffen-Initiative
Die sogenannte „Waffenschutz-Initiative“, über die am 13. Februar abgestimmt wird, empfahl der VBS-Chef zur „massiven Ablehnung“. „Das Wegnehmen der Waffen bewirkt das Zerbrechen des Vertrauens­verhältnisses zwischen dem Staat und seinen Bürgern“, sagte Maurer. Die allgemeine Wehrpflicht – und damit die Armee als Garantin unseres Wohl­stands – basiere auf eben diesem Vertrauen. „Dieses zu zerstören heisst auch, unseren Wohlstand aufs Spiel zu setzen.“
Dateien
- Kathrin Hoeckel, OECD Directorate for Education: Präsentation "Vorzeige-Modell Duale Berufsbildung Schweiz" (PPT-Datei / PDF-Datei)
- Prof. Dr. habil. Walther Ch. Zimmerli: Weissbuch "Zukunft Bildung Schweiz" (PPT-Datei / PDF-Datei)
- Christine Davatz-Höchner, Vizedirektorin sgv: Präsentation "Berufsbildungsbericht sgv und politische Forderungen" (PPT-Datei / PDF-Datei)
Referate / Präsentationen
Mittwoch, 12. Januar 2011
Gewerbliche Standortbestimmung von Nationalrat Bruno Zuppiger, Präsident sgv (PDF-Datei)
Strategie und politische Zielsetzungen sgv 2010 bis 2014 (PDF-Datei)
Donnerstag, 13. Januar 2011
Dr. Iwan Rickenbacher: Präsentation "Start ins Wahljahr 2011 - Wie mobilisieren Parteien und Gewerbe gemeinsam?" (PPT-Datei / PDF-Datei)
KMU-Rating Dr. Michael Hermann - Tabelle aller Nationalräte (PDF-Datei)
- Hans-Ulrich Bigler, Direktor sgv: Präsentation "Politische Forderungen der KMU aus Sicht des sgv" (PPT-Datei / PDF-Datei)
Freitag, 14. Januar 2011
Kathrin Hoeckel, OECD Directorate for Education: Präsentation "Vorzeige-Modell Duale Berufsbildung Schweiz" (PPT-Datei / PDF-Datei)
Prof. Dr. habil. Walther Ch. Zimmerli: Weissbuch "Zukunft Bildung Schweiz" (PPT-Datei / PDF-Datei)
Christine Davatz-Höchner, Vizedirektorin sgv: Präsentation "Berufsbildungsbericht sgv und politische Forderungen" (PPT-Datei / PDF-Datei)
Bildimpressionen
Freitag, 14. Januar 2011







