Diskussion über die Vertretung der KMU-Interessen
„Wer sich duckt, wird angespuckt“
Statt des üblichen harmonischen Ausklingens mit einem Light-Referat sorgte am Freitag in Klosters eine knallharte Diskussion über das Image und die Öffentlichkeitsarbeit des sgv für viel Gesprächsstoff.
Für eine gehörige Portion Zündstoff sorgte Andreas Durisch mit seinem provokativen Einführungsreferat. Der langjährige Chefredaktor der „SonntagsZeitung“ änderte das vorgegebene Thema „Wir gut vertreten die KMU ihre Interessen?“ kurzerhand in „“Wie gut vertritt der sgv die Interessen der KMU?“ ab. Seine journalistische Analyse mündete in eine harten und schonungslosen Kritik, die sich vor ab auf folgende Punkte konzentrierte:
der sgv hat keine zugkräftigen Aushängeschilder, und er kann sich in den Medien nur wenig Aufmerksamkeit sichern;
nicht nur die Medien nehmen vom sgv wenig wahr, sondern auch die KMU selbst;
Der sgv vernachlässigt die Mikrounternehmen und vertritt primär die mittleren Unternehmen.
„Falsche Positionierung“
Für Durisch bleibt der ehemalige sgv-Direktor Otto Fischer die Lichtfigur des kämpferischen Gewerbes. Der Niedergang der Mitteparteien in den 1990-Jahren habe zu einem massiven Bedeutungsverlust des sgv geführt. „Unter freisinniger Führung wurde der Verband viel zu etatistisch. Zum Sinnbild und Höhepunkt dieser Entwicklung wurde Ihr letzter Direktor, Pierrre Triponez, als er Seite an Seite mit Simonetta Sommaruga für die Mutterschaftsversicherung kämpfte. Das hat uns Medien zwar interessiert, aber für die Positionierung des Verbands war es Gift“, stellte Durisch fest. Die Kernanliegen des Gewerbes habe nur noch die SVP mit Vehemenz und Marketingtalent vertreten, getreu den Slogans „Kampf der Bürokratie und dem ausufernden Sozialstaat“ sowie „Nieder mit den Steuern“. Der Befund des Journalisten: „Seit den 1990-er Jahren ist die Spitze des Gewerbeverbands mit der falschen Partei verbandelt. Ein SVP-Präsident kommt 20 Jahre zu spät.“
Wenige Köpfe zeigen
Für Durisch ist klar, dass sich der sgv künftig wirklich auf die Binnenwirtschaft fokussieren müsse, um sich von economiesuisse abzugrenzen. Zudem habe die Kommunikation über „wenige, geeignete Köpfe“ zu erfolgen. Der Verband brauche aber auch neue Themen aus seinem Kerngebiet. Er dürfe nicht nur nachbeten, was die SVP zu ihren Hauptanliegen gemacht hat. Das Fazit des „SZ“-Chefredaktors: „Die Strategie 2008 und die Zielsetzungen 2008 – 2010 des sgv weisen in die richtige Richtung. Aber sie sind extern noch nicht spürbar. Potenzial ist für den sgv durchaus vorhanden: Gibt man in der Mediendatenbank das Kürzel KMU ein, ergibt das 4 483 Treffer – tausend mehr als Christoph Blocher und SVP.“
Klare Differenzen
In der anschliessenden Podiumsdiskussion unter der Leitung von Gewerbedirektor Hans-Ulrich Bigler zeigten die drei anwesenden Verbandsspitzenleute zwar Verständnis für die speziellen Bedürfnisse der Sonntagspresse, doch lehnten sie Durischs Analyse in wesentlichen Punkten ab. Urs Wernli, Präsident des Autogewerbeverbandes AGVS, verwies auf die Tatsache, dass die Mitglieder seines Verbandes eher interne Informationsquellen – etwa Fachtagungen, das Verbandsorgan oder die Internetplattform – in Anspruch nähmen als die Printmedien. Zudem müsse das Profil des eigenen Verbandes auch bei enger Zusammenarbeit mit dem sgv klar erkennbar sein. Nationalrätin Doris Fiala, Chefin des Kunststoffverbandes, sieht bei der Kommunikation des sgv-Engagements Grenzen: „Lobbying heisst auch Brücken bauen zu Behörden und Verwaltung; spektakuläres Herumposaunen kann auch kontraproduktiv sein.“ Nationalrat Jean-François Rime teilt diese Meinung: „Es ist Sache der Branchenverbände, ihre spezifischen Anliegen aktiv und selbstbewusst zu vertreten; der sgv sollte sich primär um die Rahmenbedingungen kümmern.“ Die Kampfmittel seien aber beschränkt, „wir Unternehmer können ja nicht streiken.“
Für geschlossene Reihen
NZZ-Inlandchef René Zeller betonte die Bedeutung eines geschlossenen Auftritts der Wirtschaftskreise. Nur so könne der homogenen Linken Paroli geboten werden. Wichtig sei aber auch eine aktive Information auf regionaler und lokaler Ebene. „Hier ist der Kontakt zur Basis am engsten.“ Seiner Meinung nach müsse der sgv vermehrt angreifen, langfristig Kernthemen besetzen und so hohe Forderungen stellen, dass Raum für brauchbare Kompromisse bleibt. Doris Fiala zeigte sich überzeugt, dass es trotz aller Differenzen möglich ist, geeint aufzutreten. „Wir konnten schon mehrere Kämpfe Seite an Seite mit dem sgv erfolgreich bestehen.“ Andreas Durisch war in dieser Beziehung skeptischer: „Die meisten Parlamentarier sind in erster Linie Parteimitglieder, die wiedergewählt werden wollen und erst sekundär Gewerbevertreter.“ Im vielstimmigen Berner Konzert müsse der sgv seinen Part suchen und mit klaren Botschaften kommunizieren.
Uneinigkeit herrschte unter den Telnehmenden in Bezug auf die Personifizierung. Urs Wernli warnte vor der Beschränkung auf einige wenige Köpfe, während Jean- François Rime diese Strategie bevorzugt: „Diese Konzession an die Medien gehört halt zum Spiel, starke Leute erzeugen ein starkes Echo.“
"Beträchtlicher Nachholbedarf"
In der Schlussrunde forderte René Zeller eine aktivere und gezielte Kommunikation des sgv. Die Zeit sei definitiv vorbei, als die Medien automatisch die Anliegen der Wirtschaftsverbände aufnahmen. Heute müssten die wichtigen Zeitungen „individuell bedient und beackert“ werden. Doris Fiala wünschte sich mehr Zusammenhalt und Geschlossenheit. Im Übrigen gelte das Motto des grossen alten Mannes der Schweizer Wirtschaft, Branko Weiss: „Wir sich wehrt, der wird geehrt. Wer sich duckt, wird angespuckt.“ Urs Wernli erhofft sich vom sgv künftig vorab mehr tatkräftige Hilfe im Kampf gegen die Einschränkungen der Mobilität. Jean-François Rime möchte, dass der sgv bei wichtigen Themen vermehrt agiert und eigene Lösungsvorschläge einbringt. Andreas Durisch, der demnächst die Fronten und in die PR-Branche wechselt, hielt an den meisten seiner Kritikpunkte fest: „Der sgv hat bei der Umsetzung seiner neuen Strategie einen beträchtlichen Nachholbedarf.“
Patrick M. Lucca




