63. Gewerbliche Winterkonferenz: Personenfreizügigkeit - Fluch oder Segen?
Die 63. Gewerbliche Winterkonferenz fand vom 11. bis zum 13. Januar 2012 in Klosters statt und setzte sich vertieft mit dem Thema "Personenfreizügigkeit - Fluch oder Segen?" auseinander. Kompetente und profilierte Referentinnen und Referenten sowie spannende Podiumsdiskussionen beleuchteten die Thematik aus verschiedensten Blickwinkeln.
Am Donnerstag stellte Claude Longchamp, Leiter gfs.Bern, die vom sgv in Auftrag gegebene Studie "Personenfreizügigkeit und KMU" vor. Die Studie befragte im November 2011 500 KMUs in der Deutschschweiz. 50 Prozent der KMUs bezeichnen sich dabei als "sehr betroffen" oder "eher betroffen" von der Personenfreizügigkeit. Diese Gruppe wurde danach nach einer Bewertung der Betroffenheit befragt. Dabei kam ein klares Ergebnis zustande: 84 Prozent der KMUs werteten die Auswirkungen der Personenfreizügigkeit als gesamthaft positiv oder eher positiv.
Zum Abschluss der 63. gewerblichen Winterkonferenz referierte Frau Ruth Metzler, Präsidentin osec Business Network Switzerland, zum Thema "osec: Nahe am Markt und bei den KMU".
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Mittwoch, 11. Januar 2012
„Der Segen dominiert den Fluch“
Bundesrätin Doris Leuthard eröffnete den Reigen der Gastredner an der 63. Gewerblichen Winterkonferenz in Klosters. Die UVEK-Chefin – letztmals war sie 2009, damals noch als Volkswirtschaftsministerin, zu Gast in „Klosters“ – stellte ihre Überlegungen unter den Titel „Emotionen versus Fakten“. Die Schweiz sei international nach wie vor sehr gut positioniert. Ängste und Emotionen seien schlechte Ratgeber, meinte Leuthard und plädierte dafür, in schwierigen Zeiten einen kühlen Kopf zu bewahren, die Fakten zu analysieren und nach deren Beurteilung entschlossen zu handeln.
Bei einem prognostizierten Wachstum von gerade noch 0,5 Prozent stünden für diverse Branchen und Industrien „sehr harte Zeiten“ an, und es bestehe eine grosse Unsicherheit. Dennoch gelte es festzuhalten, dass sich die Schweiz in bisher sehr gut gehalten habe. Dies nicht zuletzt dank der Schuldenbremse, vor allem aber dank des hervorragenden Bildungsniveaus, der politischen Stabilität, den guten Infrastrukturen, dem in der Schweiz gelebten Arbeitsfrieden und einem sehr agilen Unternehmertum. „Die Schweiz ist ‚Top of the Top‘“, so Leuthard – und sie solle besser ihre Stärken ausbauen statt sich in Kleinkrämerei zu üben.
Bitte keine Grabenkämpfe
Die Zuwanderung akzentuiere bestehende Probleme in den Bereichen Mobilität und Raumplanung, sei aber nicht dafür verantwortlich, sagte Leuthard weiter. Sie appellierte an die Politik, bei Verkehrsfragen nicht in Grabenkämpfen zu erstarren, sondern die Herausforderungen als Gesamtheit anzugehen und nach modernen, zukunftsfähigen Lösungen zu suchen. So müsse etwa eine bessere Ausnützung bestehender Kapazitäten – besonders auch nachts – ins Auge gefasst werden. In der Raumplanung sprach sich die Bundesrätin für eine Mehrwertabschöpfung bei Einzonungen aus, blieb damit jedoch allein im Saal…
Per Saldo positiv
Vor der Bundesrätin machte sich sgv-Vizepräsidentin Kathrin Anderegg Gedanken zum Tagungsthema “Personenfreizügigkeit – Fluch oder Segen?” Die Gesamtbilanz der Personenfreizügigkeit sei per Saldo eindeutig positiv – „der Segen dominiert ganz klar den Fluch“. Bestehende Probleme in den Bereichen Arbeitsmarkt, Wohnungsmarkt und Verkehr müssten durch gezielte Reformen angegangen werden und nicht dadurch, dass man die bilateralen Verträge mit der EU als Ganzes gefährde.
Die Demografie sei nur zu einem kleinen Teil für den zunehmenden Druck auf dem Wohnungsmarkt verantwortlich, dieser sei viel mehr durch den steigenden Wohlstand begründet. Daher brauche es Massnahmen, die das Bauen am richtigen Ort erleichterten, aber keineswegs neue bodenrechtliche Regulierungsinstrumente. Die sgv-Vizepräsidentin forderte zudem einen Ausbau der Verkehrsinfrastrukturen und die „absolute Gleichbehandlung“ des privaten und des öffentlichen Verkehrs.
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Donnerstag, 12. Januar 2012
Bestehende Probleme sichtbar gemacht
Der Donnerstagmorgen an der 63. Gewerblichen Winterkonferenz in Klosters war dem Thema „Herausforderung Personenfreizügigkeit“ gewidmet. Nachdem Claude Longchamp eine entsprechende Studie vorgestellt hatte, fragte Politikwissenschafter Silvano Moeckli von der Uni St Gallen: Wieviel Zuwanderung verträgt die Schweiz? Die Personenfreizügigkeit sein „Fluch und Segen zugleich“, stellte er fest und kritisierte die vom Bundesamt für Statistik verbreiteten Zahlen als zu optimistisch. Schliesslich gebe es nicht nur eine – meist erwünschte – Zuwanderung aus Europa, sondern auch eine unerwünschte aus Afrika und Asien.
„Rund ein Viertel der Erwerbstätigen in der Schweiz sind heute Ausländer“, stellte Moeckli fest. Die Wirtschaft sei auf Zuwanderer angewiesen, die alternde Gesellschaft auf Dienstleister im Gesundheitswesen und auf Menschen, welche die Kassen der Sozialwerke füllten. Nebst solch positiven Auswirkungen gebe es aber auch negative Folgen der Zuwanderung: Zersiedelung, steigender Land- und Energieverbrauch, mehr Verkehr, Verstädterung, Lohn- und Preisdruck und nicht zuletzt sicherheitspolitische Risiken, wenn sich das System ohne weitere Zuwanderung nicht mehr aufrechterhalten lasse. „Dieses Perpetuum mobile muss irgendeinmal zum Stillstand kommen“, prognostizierte Moeckli. Darum müssten die Ziele der Personenfreizügigkeit diskutiert werden.
Breites Spektrum
Unter der Leitung von NZZ-Inlandredaktor Simon Gemperli wurden anschliessend mit der Zuwanderung verknüpfte Themen diskutiert. SVP-Nationalrat Luzi Stamm, SP-Nationalrat Corrado Pardini, Patrik Schellenbauer von Avenir Suisse und sgv-Direktor Hans-Ulrich Bigler beleuchteten Fragen des Arbeitsmarkts, der Kontingentierung, der Raumplanung und der Mobilität. Dabei gingen die Wahrnehmungen weit auseinander. Der SVP-Vertreter liess kaum ein gutes Haar an der Personenfreizügigkeit, während der SP-Nationalrat die Migration als „riesige Chance“ bezeichnete. Gewerkschaft Pardini, dessen Unia sich nicht scheut, auch schon mal ganze Baustellen lahmzulegen, sprach sich für eine Stärkung der Sozialpartnerschaft aus, um bestehende Probleme wie etwa die Frage der Scheinselbstständigen zu lösen.
Schellenbauer stellte fest, dass der ökonomische Erfolg der Schweiz auf der Zuwanderung aufbaue, diese aber die meist hausgemachten Probleme noch akzentuiere. Bigler verwies darauf, dass der Gewerbeverband die Personenfreizügigkeit trotz aller Schattenseiten als unverzichtbar erachte.
Beim Thema Kontingentierung kam der in der Schweiz herrschende Fachkräftemangel zur Sprache. Gewerbedirektor Bigler diagnostizierte ein inländisches Problem. Dieses müsse unter anderem durch eine verstärkte Finanzierung der Berufsbildung gelöst werden.
Pardini sprach sich für mehr und „intelligente“ Regulierungen aus und forderte nebst flächendeckenden Gesamtarbeitsverträgen gar einen Lohnüberwacher…
Schellenbauer warnte vor den Gefahren einer Kontingentierung der Zuwanderung. „Statt neue Regulierungen einzuführen, müssen wir unseren liberalen und flexiblen Arbeitsmarkt erhalten“, sagte er mit Blick auf die Probleme in den umliegenden Ländern. Ein verstärkter Kündigungsschutz oder Mindestlöhne seien der falsche Weg, sagte Schellenbauer an die Adresse des Gewerkschafters Pardini.
Schweiz wird weiter wachsen
Auch beim Thema Raumplanung gingen die Meinungen weit auseinander. Klar war einzig: Die Schweiz wird weiter wachsen. Schellenbauer rechnet damit, dass bis im Jahr 2030 die Wohnbevölkerung auf neun Millionen ansteigen wird. Diese Entwicklung berge einen Zielkonflikt mit der Raumplanung in sich. Doch auch hier gelte, dass die Zuwanderung bloss bestehende Probleme sichtbar mache.
Statt des heute praktizierten Föderalismus‘ forderte Pardini eine Zentralisierung der Raumplanung. „Damit lösen Sie kein einziges Problem“, hielt Bigler dagegen und verwies auf die Ecopop-Initiative welche die Bevölkerungszahl festschreiben möchte. Stamm nahm den Ball auf und sagte mit Blick auf die SVP-Initiative gegen die „Masseneinwanderung“: „Unsere Initiative hat einen falschen Titel und das Plakat war vielleicht nicht optimal. Es stehen jedoch noch viel radikalere Volksbegehren im Raum.“
Im Bereich Mobilität schliesslich forderte Bigler Transparenz bei den Preisen, bevor über Finanzierungskonzepte gesprochen werde. Laut Schellenbauer reflektieren die Preise im Verkehr die Kosten nicht.
Zentralisierung soll noch grösseren Raum einnehmen
Das linksgrüne Konzept, in der Raumplanung mit zentralistischen Zwangsmassnahmen die Zersiedlung zu bekämpfen, stiess bei den Gewerbevertretern auf Unverständnis.
Als während der angeregten Podiumsdiskussion zum Thema «Raumplanung und Wohnungsmarkt» erstmals das Publikum die Möglichkeit hatte, sich zu links-grünen Plänen wie Mehrwertabschöpfung, Bauzonenplafond und einem faktischen Baustopp von neuen Zweitwohnungen in Tourismusorten zu äussern, meldete sich ein sichtlich verärgerter Jean-François Rime zu Wort: «Es kann nicht sein, dass wir uns im Kanton Freiburg alles von Bundesbern diktieren lassen müssen», schimpfte das Vorstandsmitglied des Schweizerischen Gewerbeverbandes. Schliesslich sei das Bevölkerungswachstum in seinem Heimatkanton doppelt so gross wie im Schweizer Schnitt, in Bulle gar viermal so gross. «Freiburg soll sich weiterentwickeln können und nicht zum Indianerreservat werden», so Rime.
Als Bestrafung Bauzonen kantonsweit einfrieren
In Rage gebracht hatten ihn und die weiteren auch am Donnerstagabend zahlreich anwesenden Gewerbevertreter insbesondere verschiedene Voten der Podiumsteilnehmer Maria Lezzi, Direktorin Bundesamt für Raumentwicklung ARE, und Raimund Rodewald, Geschäftsführer Stiftung Landschaftsschutz. Beide machten sich bei ihrem Besuch am Gewerbekongress in Klosters für zentralistische Zwangsmassnahmen stark, mit der künftig in der Schweiz die Zersiedlung bekämpft werden soll. «Bei der Revision des Raumplanungsgesetzes müssen Fristen und Sanktionen eingeführt werden, damit die Kantone endlich die Bundesvorgaben umsetzen», mahnte Maria Lezzi, die zum Thema auch ein Referat hielt. Dabei schlug sie als mögliche Bestrafung vor, jenen Kantonen, die nicht innerhalb von einem Zeitraum von fünf Jahren die Bundesrichtlinien umsetzen, die Bauzonen einzufrieren. Lezzi bezeichnete die angestrebten nationalen Vereinheitlichungen in der Raumplanung als «erneuerter Föderalismus».
«Es kann doch nicht sein, dass man in Lenzerheide einfach so an der Gemeindeversammlung sechs Hektaren Bauland für touristische Projekte einzonen kann», polterte derweil Raimund Rodewald. Der Vater der Eidgenössischen Volksinitiative «Raum für Mensch und Natur», die unter anderem verlangt, dass Erweiterungen der Bauzone durch Auszonungen kompensiert werden, zeigte offen sein Unverständnis für demokratische Entscheide auf Gemeindeebene. Mit falsch platzierten Entscheiden würden «unsere Juwelen» verbaut. Doch dass in den Gemeinden Einzonungen genehmigt werden, sei wenig überraschend, spiele doch jeweils Geld eine wichtige Rolle.
Jede Einzonung demokratisch beschlossen
Der Präsident des Schweizerischen Baumeisterverbandes Werner Messmer wehrte sich als einziger Gewerbevertreter auf dem Podium energisch gegen all die links-grünen Konzepte. So rief er in Erinnerung, dass jede einzelne Einzonung demokratisch beschlossen werde. «Die Bedürfnisse der verschiedenen Kantonsbevölkerungen sind völlig unterschiedlich. Lassen wir doch Regionen wie das Engadin, den Jura oder das Tessin, die auf den Fremdenverkehr angewiesen sind, selber entscheiden, was das Beste für sie ist», so Messmer. Im Übrigen rief er jenen Kreisen, «die ihr Heil nur in der Umwelt finden» in Erinnerung, dass ökologische Projekte nur unter Voraussetzung einer gut laufenden Wirtschaft umsetzbar seien. «Da die Landschaftsinitiative so extreme Forderung stellt, ist immerhin die Chance klein, dass sie das Volk annimmt», stellte Messmer fest.
Gewinn durch Umzonung sei unehrlich
Der vierte Podiumsteilnehmer Thomas Kessler, Leiter der Kantons- und Stadtentwicklung Basel-Stadt, argumentierte vorab in einem Referat, dass Verdichtung und Landschaftschutz, Rückbau brachliegender Industrieflächen und das Bauen in die Höhe die richtigen Rezepte gegen eine weitere Zersiedlung seien. Werner Messmer stimmte ihm zu, wobei er in Erinnerung rief, dass im Appenzeller Raum Wohnqualität anders definiert werde als in einem Stadtkanton.
Nicht einig wurden sich Kessler und Messmer indes bei der Podiumsdiskussion im Punkt Mehrwertschöpfung. Thomas Kessler erläuterte, wie im Kanton Basel-Stadt bereits jener Mehrwertabschöpfungsmechanismus angewendet wird, der bald Teil des eidgenössischen Raumplanungsgesetzes sein soll: «Wir wenden die Mehrwertabschöpfung pragmatisch und unaufgeregt an. Orientieren wir uns doch an der Calvinistischen Überzeugung, dass man mit ehrlicher Arbeit zu Geld kommen sollte und besteuern wir deshalb alle Beträge, die nicht ehrlich verdient worden sind», erklärte Kessler. Messmer lehnte die Mehrwertabschöpfung, die notabene dereinst zusätzlich zur Bodengewinnsteuer erhoben werden soll, ab. «Es sollte den Kantonen überlassen werden, ob sie wirklich eine weitere Steuer einführen wollen», erklärte der Baumeisterverbandspräsident.
Dateien:
- Studie „Personenfreizügigkeit 2012“ - Claude Longchamp, Politikwissenschafter, Leiter gfs.bern (PDF)
- Präsentation zur Studie Personenfreizügigkeit 2012 - Claude Longchamp, Politikwissenschafter, Leiter gfs.bern (PDF / PowerFpoint)
- Medienmitteilung "KMU Wirtschaft: klares Bekenntnis zur Personenfreizügigkeit" (PDF)
- Wie viel Zuwanderung verträgt die Schweiz? - Prof. Silvano Moeckli, Politikwissenschafter Uni St.Gallen (PDF)
- Das neue SIU: Wie Verbände davon profitieren - Hanspeter Baumgartner, Vorsitzender Geschäftsleitung SIU (PDF / Powerpoint)
- Auslegeordnung zu den raumplanerischen Baustellen der Schweiz - Dr. M. Lezzi, Direktorin Bundesamt für Raumentwicklung ARE (PDF / Powerpoint)
- Raumplanung und Wohnungsmarkt im Lichte der Personenfreizügigkeit - Thomas Kessler, Leiter Kantons- und Stadtentwicklung Basel-Stadt (PDF / Powerpoint)
Freitag, 13. Januar 2012
Vorhandene Verkehrskapazitäten besser nutzen
Der letzte Morgen der 63. Gewerblichen Winterkonferenz in Klosters Stand im Zeichen der Mobilität. „In der Schweiz leben rund sieben Millionen Verkehrsexperten“, stellte Willy Burgunder eingangs fest. Der stellvertretende Direktor des Bundesamts für Strassen (Astra) ortete in Verkehrsfragen einen Mangel an gegenseitiger Toleranz. Das politische Umfeld sei schwierig, ständige Grabenkämpfe erschwerten die Planungsabläufe über die Massen. Dabei sei klar: Auf den Hauptverkehrsachsen und in den mittleren und grossen Agglomerationen seien sowohl die Strassen wie auch die Schienen „voll bis übervoll“. Eine weitere Tatsache sei: Die finanziellen Mittel nähmen ab, die Anforderungen der Kantone und Regionen dagegen stiegen immer weiter. Ständig neue Projektforderungen liessen die Kosten ins Unermessliche steigen, schier endlose Diskussionen verzögerten Bauvorhaben immer weiter: „Das geht in der Summe aller Begehren einfach nicht auf“, so der Astra-Vertreter.
Kollaps unausweichlich
Auch inhaltlich würden die Messlatten laufend höher gelegt, sagte Burgunder. Schärfere Sicherheitsnormen für Tunnels, kostentreibende Umweltvorschriften, archäologische Grabungen, Wildquerungen… All diese Anforderungen verteuerten den Bau von Verkehrsinfrastrukturen ständig. Wenn es so weiter gehe wie heute, sei ein Verkehrskollaps unausweichlich.
Neue Denkansätze könnten aber einen Weg aus der Sackgasse weisen, meinte Burgunder und plädierte dafür, die Nachfrage ans vorhandene Angebot anzupassen. „Sowohl zeitlich wie auch örtlich stimmen Angebot und Nachfrage nicht überein.“ Insgesamt seien genügend Verkehrsinfrastrukturen vorhanden, es stelle sich die Frage nach der Nutzung. Die Autobahnen etwa seien nachts eher schwach frequentiert, eine Aufhebung des Nachtfahrverbots für LKW könnte also eine Möglichkeit sein, so ein ausdrücklich „rein persönlicher“ Denkansatz des Astra-Vize. „Oder man könnte die keineswegs kostendeckenden Generalabonnemente für Rentner überdenken.“ Burgunder fand, die Schweiz müsse sich intensiv über das Produkt „Verkehrsinfrastruktur und Mobilität“ unterhalten und dieses nicht bloss über das Geld definieren.
Intransparente Finanzierung
„Ist Mobilität grenzenlos?“, fragte im Anschluss Philipp Löpfe. Der Journalist und Buchautor griff zum Mittel der Dramatisierung und malte gleich zu Beginn seines Referats das Gespenst eines „Weltkriegs um Arbeitsplätze“ an die Wand. Löpfe machte die Zuwanderung und den Steuerwettbewerb für dramatische Veränderungen auf dem Immobilienmarkt verantwortlich und bemühte Schreckensszenarien wie die Unruhen des Sommers 2011 in London, um die Folgen der unbeschränkten weltweiten Mobilität zu illustrieren.
Nüchterner beleuchtete die anschliessende Diskussionsrunde unter Leitung von SRF-Bundeshausredaktor Hanspeter Trütsch die Lage. Neben Burgunder und Löpfe stellten sich die Nationalräte Franziska Teuscher (Grüne) und Markus Hutter (FDP) dem Thema Mobilität. „Ich kann den Begriff ‚ideologische Gräben‘ schon gar nicht mehr hören“, stellte Garagist Hutter gleich zu Beginn klar. Jahrzehntelang sei die Strassenkasse zugunsten der Schiene geplündert worden, da müsse man sich nun wohl nicht auch noch Vorwürfe anhören. Überdies spiele sich mehr als die Hälfte des Öffentlichen Verkehrs auf der Strasse ab, so Hutter. Er beklagte die Tatsache, dass dem Verkehrsträger „Schiene“, der bloss 20 Prozent der Transportkapazitäten liefere, die volle politische Aufmerksamkeit zukomme und dass „die Schiene“ zudem intransparent finanziert sei.
Fernab der KMU-Realität
KMU-ferne Forderungen der VCS-Präsidentin Teuscher und von Löpfe nach einer generellen Einschränkung der Mobilität bezeichnete Hutter als „abgehoben“. Stattdessen müssten in der Verkehrspolitik nun endlich Prioritäten gesetzt werden und die Verursacher von Kosten zur Kasse gebeten werden. Nebst einer Aufhebung des Nachtfahrverbots für Lastwagen forderte Hutter auch eine 2. Röhre am Gotthard. Astra-Vize Burgunder warnte allerdings vor den von Hutter vorgeschlagenen möglichen Public-Private-Partnerschaft bei einem allfälligen neuen Tunnelprojekt. Ausser in Staaten mit vollends leeren Kassen könne der Staat bei derartigen Tiefbauprojekten nur verlieren, da sich immer irgendwelche Perimeter ändern würden.
Internationalität ist Schlüssel zum Erfolg
Die Schweizerische Zentrale für Handelsförderung Osec will eine führende Rolle bei der Schweizer Standortpromotion übernehmen.
Zum Abschluss des Schweizerischen Gewerbekongress versuchte eine Dreierdelegation der Schweizerischen Zentrale für Handelsförderung Osec den Gewerbevertretern einen Sprung ins Ausland schmackhaft zu machen. «Internationalität ist für die Schweizer Wirtschaft der Schlüssel zum Erfolg», erklärte Osec-CEO Daniel Küng. Auch KMU müssten sich heute die Frage stellen, ob sie es sich leisten könnten, nicht zusätzlich zum Heimmarkt auch im Ausland tätig zu sein. Wer auf kürzere Innovationszyklen setze, um im internationalen Wettbewerb bestehen zu können, profitiere von diesen Innovationsschüben auch im Heimmarkt.
«Nur dank der internationalen Versetzung ist die Schweizer Wirtschaft so enorm gewachsen. In unserem Land leben zwar nur 0,1 Prozent der Weltbevölkerung, doch sind wir für 1,5 Prozent des Welthandels verantwortlich», zeigte Küng auf. Die 37 000 Schweizer Unternehmen, die im Ausland tätig sind, seien nicht nur ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, der die Schweiz krisenresistenter mache, sondern auch aus einem weiteren Grund wichtig: «Wenn Schweizer Unternehmen im Ausland durch ihre Innovationskraft auffallen, lösen sie dabei bei ausländischen Firmen ein Interesse aus, ihrerseits auf dem Schweizer Markt tätig zu werden», sagte Küng. Erst würden sich ausländische Firmen in der Schweiz niederlassen, später würden hochqualifizierte Arbeitskräfte in die Schweiz kommen. «Es handelt sich hierbei um eine Art Engelkreis, der die Schweiz in beschwingte Höhen hebt», folgerte der Osec-CEO.
Umstrittene Standortpromotion
Dass die Osec Interesse daran hat, dass die Schweiz von ausländischen Firmen als interessanter Wirtschaftsstandort aufgenommen wird, kommt nicht von ungefähr. Seit 2008 fühlt sich die Schweizerische Zentrale für Handelsförderung auch für die nationale Standortpromotion der Schweiz im Ausland verantwortlich, wie Ruth Metzler, Präsidentin der Osec, aufzeigte. Die Osec handle dabei nach dem Motto «einer für alle». Man stehe nicht in Konkurrenz zu den Kantonen, wolle aber bei der Informationstätigkeit im Bereich Standortpromotion die Federführung übernehmen. «Wir wollen eine möglichst hohe Koordination zwischen den verschiedenen Akteuren vornehmen. Wenn beispielsweise ein ausländisches Unternehmen einen Standort in Flughafennähe sucht, kann mein Heimatkanton Appenzell-Innerhoden ohnehin nicht mithalten», erklärte Metzler. Man habe von Bund, aber auch von den Kantonen einen Auftrag erhalten, bei ausländischen Firmen ein Interesse an der Schweiz zu wecken. «Ist das Interesse dann aber soweit geweckt, dass ein Unternehmen sich in der Schweiz niederlassen will, kommen die Kantone zum Zug», versicherte Metzler. Trotz diesem Versprechen gab es kritische Publikumsvoten von Kongressteilnehmern, die nicht verstehen können, dass die bisher so erfolgreiche Standortförderung der Kantone durch eine einzige Stelle abgedrängt werden soll.
Nicht mit Steuervorteilen locken
Gar die Sprache verschlug es einigen, als Ruth Metzler verriet, dass die Osec mit einem bestimmten Standortvorteil gar nicht im Ausland hausieren wolle: «Es schadet der Schweiz als Land, wenn einzelne Kanton im Ausland auf ihre Steuervorteile hinweisen», so Metzler. Sie sei sogar überzeugt, dass eine solche Standortpromotionsstrategie auch den betreffenden Kantonen «nichts nützt».
«Schlagkräftige Aussenwirtschaftsförderung»
Die Osec, die 1927 als nichtgewinnorientierter und halböffentlicher Verein in Lausanne gegründet worden ist, informiert, berät und begleitet Schweizer KMU bei ihren internationalen Geschäftsvorhaben. Als ihre Kernkonpetenz bezeichnet sie ihre «schlagkräftige Aussenwirtschaftsförderung». Sie will Unternehmen, Wissensträger sowie private und öffentliche Organisationen im Hinblick auf deren weltweiten Arbeitsalltag beraten. In der Schweiz verfügt die Osec über Niederlassungen in Zürich, Lausanne und Lugano.
Neben der Exportförderung kümmert sich die Osec seit anfangs 2008 auch um die nationale Standortpromotion der Schweiz im Ausland sowie um die Importförderung zugunsten ausgewählter Entwicklungs- und Transitionsländer. Im Weiteren setzt die Organisation im Rahmen der vom Bund im Jahr 2009 beschlossenen Stabilisierungsmassnahmen zusätzliche Mittel zum Aufbau von Exportplattformen in ausgewählten Branchen ein. Schliesslich führt die Osec im Ausland 18 Swiss Business Hubs, die vorwiegend bei den Schweizer Botschaften angesiedelt sind. Diese Aussenstellen stehen der Schweizer Exportwirtschaft auf vier Kontinenten beratend zur Seite.
Dateien:
- Steht unser Land vor dem Verkehrskollaps? - Willy Burgunder, ASTRA (Präsentation PDF / Powerpoint, Referat PDF)
- Ist Mobilität grenzenlos? - Philippe Loepfe, Journalist und Autor (PDF)
- Osec: nahe am Markt und bei den KMU - Ruth Metzler, Präsidentin Osec / Daniel Küng, CEO Osec (Präsentation PDF / Powerpoint, Flyer PDF)
Referate / Präsentationen
Mittwoch, 11. Januar 2012
Donnerstag, 12. Januar 2012
- Studie „Personenfreizügigkeit 2012“ - Claude Longchamp, Politikwissenschafter, Leiter gfs.bern (PDF)
- Präsentation zur Studie Personenfreizügigkeit 2012 - Claude Longchamp, Politikwissenschafter, Leiter gfs.bern (PDF / PowerFpoint)
- Medienmitteilung "KMU Wirtschaft: klares Bekenntnis zur Personenfreizügigkeit" (PDF)
- Wie viel Zuwanderung verträgt die Schweiz? - Prof. Silvano Moeckli, Politikwissenschafter Uni St.Gallen (PDF)
- Das neue SIU: Wie Verbände davon profitieren - Hanspeter Baumgartner, Vorsitzender Geschäftsleitung SIU (PDF / Powerpoint)
- Auslegeordnung zu den raumplanerischen Baustellen der Schweiz - Dr. M. Lezzi, Direktorin Bundesamt für Raumentwicklung ARE (PDF / Powerpoint)
- Raumplanung und Wohnungsmarkt im Lichte der Personenfreizügigkeit - Thomas Kessler, Leiter Kantons- und Stadtentwicklung Basel-Stadt (PDF / Powerpoint)
Freitag, 13. Januar 2012
- Steht unser Land vor dem Verkehrskollaps? - Willy Burgunder, ASTRA (Präsentation PDF / Powerpoint, Referat PDF)
- Ist Mobilität grenzenlos? - Philippe Loepfe, Journalist und Autor (PDF)
- Osec: nahe am Markt und bei den KMU - Ruth Metzler, Präsidentin Osec / Daniel Küng, CEO Osec (Präsentation PDF / Powerpoint, Flyer PDF)







